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Kapitel 8 - Der von Gott geliebte

  Mit zusammengekniffenen Augen rollte Charles seinen K?rper zum Schutz ein und bereitete sich auf den Aufprall vor. Jedoch war dieser weicher, als er erwartet hatte. Langsam ?ffnete Charles die Augen.

  H?…? Bin ich bereits im Himmel? Warum fühlt es sich so an, als würde ich auf einer Wolke liegen?

  Augenblicklich richtete sich Charles auf und schaute sich um. Sowohl er als auch Maya waren auf einem gro?en Kissen und einer Bettdecke gelandet, welche über einem Busch lagen. Offenbar hatte jemand schon im Voraus an dieser Stelle ein provisorisches Sicherheitsnetz errichtet. Die neben ihm liegende Maya fing laut an zu lachen, woraufhin Charles ganz rot im Gesicht wurde.

  Seine beiden Arme stützten sich auf die Decke und er schaute mit zugespitzten Augenbrauen auf Maya hinab.

  ?Was sollte der Mist? Das h?tte für uns beide schiefgehen k?nnen!“, fuhr Charles sie an.

  Mit einem L?cheln drehte Maya ihren Kopf zu ihm.

  ?Siehst du? Ich hab es dir doch gesagt! Du kannst mir vertrauen.“

  Sein Mund ?ffnete sich, doch ehe Charles etwas erwidern konnte, stand Maya von der Decke auf und reichte ihm die Hand.

  ?Es gibt absolut keinen Grund für mich, meine Freunde zu vergiften oder dich zu verletzen. Also lass mich einfach das Fleisch besorgen und geh wieder schlafen, okay?“

  Für eine Weile starrte er Maya an, ehe sich seine Gesichtszüge entspannten.

  Jetzt weiter zu diskutieren, macht keinen Sinn. Am Ende ist mir schlie?lich nichts passiert.

  Charles seufzte und stand auf. Sogleich nahm Maya ihre Hand wieder runter, zog die Kapuze ihres Zaubermantels über den Kopf und schaltete ihre Taschenlampe ein. Der Lichtkegel huschte über den Boden, als sie ihm zum Abschied zuwinkte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand sie in der Dunkelheit des Waldes. Die Finger von Charles ballten sich zu einer Faust, w?hrend er zusah, wie das Licht zwischen den B?umen erlosch.

  Ich sollte es lieber nicht drauf anlegen, erneut von ihr erwischt zu werden. Sie hat schon recht: Wenn sie mir schaden will, dann h?tte sie das gerade eben tun k?nnen. Allerdings gibt es derzeit keinen Grund dafür.

  Sein Blick glitt über den Strauch mit dem darauf liegenden Bettzeug und verlor sich schlussendlich im dunklen Wald.

  Wie verdammt nochmal hat sie das gemacht?

  Charles blieb keine Wahl, als ins Waisenhaus zurückzukehren und sich schlafen zu legen.

  Als alle Jungen bereits zum Frühstück gegangen waren, erhob sich schlussendlich auch Charles aus dem Bett und stellte sich in den Türrahmen. Von dort konnte er sehen, dass Rochelle ganz hinten in der Schlange zur M?dchentoilette stand. Zu seinem Glück war Maya nicht zu sehen. Vermutlich war sie früher aufgestanden und bereits in der Cafeteria. Mit der vereinbarten Geste signalisierte er Rochelle, sich mit ihm zu treffen.

  Bald darauf berieten sich die beiden in einer der Kabinen vom Jungenklo.

  ?Sich so früh am Morgen zu treffen, ist gef?hrlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns jemand beim Frühstück vermisst, ist recht hoch. Wenn nicht zumindest ich bald auftauche, wird Maya definitiv Verdacht sch?pfen“, sagte Rochelle und stemmte eine Hand in die Hüfte.

  ?Keine Sorge, ich habe den anderen bereits gesagt, dass ich keinen Hunger habe und gerne noch ausschlafen m?chte. Die werden mich erst wieder zum Unterricht erwarten. Au?erdem wollte ich dir meine neusten Erkenntnisse über Maya nicht l?nger vorenthalten.“

  Ein Funkeln erschien in Rochelles geweiteten Augen.

  ?Du hast etwas herausbekommen?“

  Charles nickte und erz?hlte ihr dann, dass er Grund zur Annahme hatte, dass Maya Gedanken lesen kann.

  ?Und wie hast du das herausgefunden?“

  ?Gestern Abend habe ich leider erfolglos versucht, sie zu verfolgen, um herauszufinden, ob sie das Essen für den Grillabend vergiften m?chte. Sie wusste nicht nur, dass ich ihr auf den Fersen war, sondern auch weshalb.“

  Bei diesen Worten verschr?nkte Rochelle die Arme und sah ihn gelangweilt an.

  ?Tja, was denkst du wohl, warum?“

  ?W-was meinst du damit?“, fragte Charles, dessen Augenbraue sich hob.

  ?Hast du schon mal von Mikroexpressionen geh?rt? Das sind Gesichtsausdrücke, die nur Sekundenbruchteile dauern. Jedoch ist das bereits mehr als genug Zeit, um die wahren Gefühle einer Person abzulesen.“

  So ganz verstand Charles immer noch nicht, was sie ihm da versuchte klarzumachen, doch dann zeigte Rochelle mit ihrem Zeigefinger pl?tzlich auf seine Lippe.

  ?Erinnerst du dich an deine Reaktion beim gestrigen Frühstück? Als sie die Sicherheitsma?nahmen in der Küche erw?hnte, hast du ganz kurz mit deiner Lippe gezittert. Damit hast du ihr verraten, dass du von dem Zwischenfall mit der Pizza wei?t.“

  Langsam d?mmerte es Charles.

  ?Also hat sie nur eins und eins zusammengez?hlt und angenommen, dass mir jemand davon erz?hlt haben muss und ich ihr deshalb nicht mehr vertraue?“

  ?Jackpot!“, antwortete Rochelle, ehe sich ihre Miene verfinsterte.

  ?Maya gestern Abend zu folgen, war ein gro?er Fehler! Damit hast du ihre Annahme komplett best?tigt und Valentin wird die Konsequenzen zu spüren bekommen. Schlie?lich hat er Mayas Regeln gebrochen und dir unerlaubt davon erz?hlt.“

  In Charles Kopf überschlugen sich die Gedanken.

  Sie hat mich also gestern nur laufen lassen, weil sie bereits Valentin die Schuld für die ganze Sache gibt? Das ist schlimm! Nein. Es ist absolut furchtbar. Ich muss ihn schleunigst warnen! Wenn ihm meinetwegen was passiert, dann kann ich mir das nie verzeihen.

  Er biss die Z?hne zusammen und ballte die F?uste. Seine Augenbrauen verengten sich und Charles schaute zu Boden. Daraufhin versuchte Rochelle, ihre H?nde auf seine Schultern zu legen. Kurz bevor sie diese berührte, hielt sie jedoch inne. Ihre Finger verkrampften leicht und Rochelle nahm die Arme wieder runter. Nachdem sie tief ein- und ausgeatmet hatte, sagte Rochelle: ?Es ist alles okay. Verhalte dich einfach ruhig bis zum Grillabend und lass dir nichts anmerken! Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann kommt Valentin sicherlich mit einem blauen Auge davon.“

  Auf einmal fiel Charles etwas ganz anderes auf. Ruckartig hob er den Kopf und sah Rochelle skeptisch an.

  ?Hey, sag mal … woher wei?t du eigentlich, dass Valentin mir davon erz?hlt hat?“

  Selbstsicher leckte sich Rochelle über die Lippen.

  ?Sagen wir einfach, dass ich sehr gut im Verstecken bin.“

  Was auch immer das bedeuten soll, dachte Charles und sah dabei zu, wie Rochelle einen Blick auf ihre Armbanduhr warf.

  ?Ich muss jetzt dringend los, bevor sich ein gewisses M?dchen fragt, wo ich so lange bleibe.“

  Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und lie? den mittlerweile gedankenversunkenen Charles alleine in der Kabine zurück.

  Ich habe zwar noch ziemlich viele Fragen, aber eines ist mir mehr als nur klar geworden: Der heutige Abend muss auf jeden Fall ein Erfolg werden. Weitere Fehler darf ich mir nicht erlauben!

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  Für den Grillabend hatte sich die Freundesgruppe nach Einbruch der Dunkelheit an der Geheimbasis eingefunden. Vor dieser hatten sie einen Kreis aus Steinen errichtet, in welchem ein paar Holzscheitel, trockenes Gras und viele ?ste bereitlagen, um ein Lagerfeuer anzünden zu k?nnen. Wie von Charles vorgeschlagen, wurden rundherum umgefallene B?ume gelegt, welche als B?nke dienen sollten. Auf einer dieser B?nke sa? Amadeus alleine und starrte ins Feuer. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sich Charles, dass Maya und die anderen in der Küche besch?ftigt waren. Sogleich nahm er die Bibel, welche auf dem Tisch neben dem Kamin lag, ging nach drau?en und setzte sich rechts neben Amadeus. Nach einer kurzen Stille zwischen den beiden holte Charles die Bibel hervor, die er in der linken Hand gehalten hatte.

  ?H?r mal, ich habe in der Bibel eine wirklich interessante Geschichte gelesen und wollte einfach mal mit dir darüber reden.“

  Sofort fingen Amadeus' Augen an zu strahlen und er h?rte aufgeregt zu.

  ?In dieser Geschichte geht es um einen einfachen Zimmermann, der sich gegen die Obrigkeit auflehnt. Damals konnten die meisten Menschen nicht lesen, vor allem nicht die Bibel, die zu dieser Zeit nur aus dem Alten Testament bestand. Deshalb erz?hlten die Pharis?er, eine religi?se und politische Gruppe, den Leuten, was angeblich darin stand. Oft stimmte das allerdings gar nicht, weil sie die Menschen belogen, um Profit daraus zu schlagen.

  Der Zimmermann mit dem Namen Jesus brachte den Menschen bei, was wirklich im Alten Testament geschrieben stand. Er war praktisch der Einzige, der sich gegen die Pharis?er stellte. Einmal warf Jesus sie sogar aus einem Gotteshaus hinaus, weil sie dort Handel trieben. Au?erdem tat er viele erstaunliche Dinge, zum Beispiel heilte er kranke oder verletzte Menschen. Am Ende zahlte Jesus jedoch einen hohen Preis dafür, dass er von sich sagte, der Sohn Gottes zu sein.“

  ?Ja, das Leben von Jesus war sehr tragisch, aber zur gleichen Zeit gibt es einem auch Hoffnung. Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert, damit wir wieder auf den richtigen Weg kommen. Wenn das kein Zeichen für seine Liebe ist, dann wei? ich auch nicht.“

  ?Stimmt schon. Allerdings bin ich mir unsicher, was die Moral der Geschichte ist.“

  Amadeus zog die Augenbrauen zusammen.

  ?Inwiefern?“

  Nach kurzer überlegung antwortete Charles: ?So wie ich das verstanden habe, ist es was Gutes, sich gegen ein System aufzulehnen, das andere unterdrückt, selbst wenn man dabei riskiert, zu sterben. Jesus gab sein Leben, aber rettete dadurch das von vielen anderen. Meinst du, Gott will uns diese Geschichte erz?hlen, weil er erwartet, dass wir seinem Beispiel folgen?“

  Anschlie?end drehte Charles seinen Kopf und schaute zur Holzhütte. Amadeus folgte seinem Blick.

  ?In unserer momentanen Situation sind wir definitiv nicht anders als die Menschen, welche von den Pharis?ern kontrolliert und manipuliert wurden.“

  ?Also denkst du, dass jeder die Rolle von Jesus einnehmen k?nnte?“, fragte Amadeus, der langsam zu verstehen schien, worauf Charles hinauswollte.

  Innerlich jubelte Charles, als er das h?rte.

  Jetzt ist er genau da, wo ich ihn haben will. Zeit, den Sack zuzumachen.

  ?Ich denke, Gott m?chte, dass wir es zumindest versuchen. Wir alle haben die Chance, einen Unterschied in dieser Welt zu bewirken. Sonst h?tte er mit Sicherheit etwas getan, um uns diese M?glichkeit zu nehmen.“

  ?Für einige mag das zutreffen, aber sicherlich nicht für alle. Unser Potenzial ist zwar rein theoretisch grenzenlos, jedoch ist nicht jeder für alles geeignet“, fügte Amadeus unerwarteterweise hinzu.

  ?Wie sagt man doch so sch?n? Jeder ist seines Glückes Schmied. Meiner Meinung nach sollte man versuchen, das Beste aus seinem Leben zu machen.“

  Einen Moment lang schwieg Amadeus und fragte dann: ?Charles, kennst du die Geschichte von Hiob?“

  Charles schüttelte den Kopf. Daraufhin nahm Amadeus die Bibel aus dessen Scho? und schlug das Alte Testament auf.

  ?Es geht um eine Wette zwischen Gott und dem Teufel. Dieser behauptete, dass die Anh?nger Gottes ihm nur folgten, weil er sie segnete. Sobald dieser Segen wegfallen würde, w?ren sie ihm gegenüber mit Sicherheit nicht mehr so treu. Gott lie? sich darauf ein und w?hlte einen seiner Anh?nger, mit dem Namen Hiob, für diese schwere Prüfung aus. Er erlaubte Satan, Hiobs Besitz zu zerst?ren, seine Kinder zu t?ten und ihn mit einer Krankheit heimzusuchen. Doch selbst als seine Brüder und sogar die Frau von Hiob ihn anbettelten, sich von Gott abzuwenden, bestand dieser seine Prüfung. So lieferte er den Gegenbeweis für Satans Anschuldigungen und wurde am Ende von Gott belohnt.“

  Amadeus klappte die Bibel zu und wandte sich an Charles: ?Was lernen wir wohl aus dieser Geschichte?“

  ?Sag du es mir!“, erwiderte dieser.

  ?Ich glaube, die Lektion ist, dass Gott uns nichts zumuten würde, was wir nicht schaffen k?nnten. Schlie?lich ist Gott allwissend und ihm war schon vorher klar, dass Hiob die Tortur des Satans überstehen wird. Wenn wir also nicht denselben Pfad wie Jesus beschreiten, dann, weil Gott wei?, dass wir dafür nicht gemacht sind.“

  ?Und welche Rolle hat Gott dir deiner Meinung nach gegeben? Die Rolle eines Sklaven, der nur von anderen kontrolliert wird?“

  Mit einem schmalen L?cheln erwiderte Amadeus: ?Gott testet mich.“

  Die Stirn von Charles legte sich in Falten.

  ?Wie meinst du das?“

  ?Na, genauso wie bei Hiob. Er will sehen, ob ich die Plage, die mir Satan auferlegt hat, schultern kann, ohne meinen Glauben zu verlieren“, sagte Amadeus, w?hrend er in Richtung der Hütte schaute. Anschlie?end wandte er sich wieder Charles zu.

  ?Im Prinzip ist das, was sie mir bisher angetan hat, unheimlich wichtig für mich gewesen. Schlie?lich habe ich nur so zu Gott gefunden. Ich bin kein Untertan von ihr. Schon lange nicht mehr. Allein dem Vater im Himmel bin ich unterstellt und seinem Willen folge ich. Egal, wohin dieser mich führt, ich bin überzeugt, dass nichts ohne Grund geschieht. Gott h?lt einen Plan und einen Weg für mich bereit, auf dem er mich behütet. So wie er es bei allen seinen Kindern macht.“

  ?Und was macht dich da so sicher? Vielleicht hasst dich Gott einfach. Ein Autor zum Beispiel erschafft auch nicht ausnahmslos Charaktere, die er liebt. Manchmal erfindet er sogar Figuren, die er nicht mag, damit sie den B?sewicht spielen. Selbst ein Charakter, den er früher mal geliebt hat, k?nnte ihn durch sein Verhalten irgendwann ?rgern.“

  Kurzzeitig lie? Amadeus den Kopf h?ngen und schaute dann ohne einen Funken Selbstzweifel in die Augen von Charles. Sein Haar wehte in der frischen Abendbrise.

  ?Ich bin mir sicher, dass Gott mich liebt. Der wichtigste Beweis für seine Liebe wurde mir seit meiner Geburt gegeben. Schlie?lich hei?e ich Amadeus – der von Gott Geliebte.“

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