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7 - Einige Dinge wurden durchscheinend, andere glühten in einem inneren blauen Licht.

  3. November 2035, 21:42 Uhr

  Die australische Nacht prallte gegen die dicken Scheiben des Komplexes. Unter dem Metalldach schien das Geb?ude des Zentrums zu schlafen — bis auf den Nordflügel, in dem das Licht brannte: das der Spezialarchive.

  Eine magnetische Schleuse, ein Atemzug Luft, dann fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.

  Audra und Alex betraten einen temperierten, stillen Raum, in dem ein Geruch aus altem Pergament und kaltem Metall hing.

  — Hier ist es, murmelte Alex.

  — Was sehen wir uns eigentlich an, ganz genau?

  — Zwei Zeugen. Zwei Objekte, die es nie h?tte geben dürfen.

  Sie gingen einen langen Gang entlang, dessen W?nde aus Glas bestanden. Hinter jeder Scheibe lagen versiegelte F?cher mit Fragmenten von Zivilisationen: Steine, Rollen, Platten, vom Feuer geschw?rzt. Auf den Etiketten liefen Namen vorbei wie Beschw?rungen: Codex von G?bekli, Manuskript des ?tna, Tafel Su-na-Anu…

  Alex blieb vor der letzten stehen.

  — Die hier?

  — Ja. Die Tafel von Uruk.

  Er legte den Finger auf einen biometrischen Leser. Das Eind?mmungsfeld l?ste sich in einem sanften Zischen. Unter ultraviolettem Licht trat die Tafel hervor: ihre braune Oberfl?che schimmerte in blauen Reflexen, wie uraltes Glas, in dem noch ein inneres Feuer glomm.

  Audra beugte sich fasziniert vor.

  — Verglühter Ton… in dieser Epoche unm?glich.

  — Es sei denn, er war einer Hitze ausgesetzt, die nicht von dieser Welt ist, erwiderte Alex.

  — Meteoriteneinschlag?

  — Kein metallischer Rückstand. Und die Beryllium-Isotope sind anomal.

  Er zog ein holografisches Display n?her heran; die Transkription lief darüber hinweg:

  ?Die Schatten gingen rückw?rts. Dann erlosch der Atem.“

  — Atem… wiederholte sie.

  — Im Sumerischen verweist das Wort auch auf die ?Vibration des Himmels“, pr?zisierte Alex.

  Er hielt kurz inne und fügte hinzu:

  — Manche übersetzen es mit Welle.

  Audra richtete sich langsam auf.

  — Eine Welle. Gravitationell?

  — Das ist unsere Arbeitshypothese. Der Text spricht von einem ?Durchgang des Gottes Su na-Anu durch das Meer des Hohen Himmels“. Die Schreiber beschrieben, was sie sahen — oder fühlten — mit ihren Worten.

  Sie gingen ein paar Schritte weiter, und Alex lie? ein zweites Artefakt sichtbar werden: eine blass gewordene, beige Rolle auf einer transparenten Halterung.

  Der Papyrus des Apophis.

  Unter gerichteter Beleuchtung schienen die blauen Pigmente eine eigene, kaum wahrnehmbare Glut zu entwickeln.

  Audra trat n?her, den Atem angehalten.

  — Das ist… unglaublich.

  Mit dem Finger folgte sie den konzentrischen Kreisen, einer Schlange, die eine schwarze Scheibe umschlang.

  — Diese Pigmente sind lumineszent?

  — Ja. Sie enthalten Thorium und Beryllium. Die Analysen zeigen Spuren kosmischer Bestrahlung, als w?re der Papyrus irradiert worden — ohne Verbrennung.

  Sie blieb bei den Hieroglyphen am Rand h?ngen.

  — ?Als der Schatten der Sonne vor sich selbst vorbeizog…“

  Sie hob den Kopf.

  — Alex, das ist eine umgekehrte Finsternis. Oder schlimmer.

  Er nickte langsam.

  — Eine Verzerrung.

  Einen Augenblick lang sagte keiner von ihnen etwas. Die Luft im Raum wirkte dichter, als trüge sie ein altes Gewicht.

  Audra sprach leise weiter:

  — Sie glauben, diese beiden Zivilisationen haben dasselbe Ph?nomen beobachtet?

  — Ja. Tausend Jahre getrennt, aber unter demselben Himmel. Dieselbe isotopische Signatur, derselbe kosmogene überschuss.

  Audra verschr?nkte nachdenklich die Arme.

  — Diese Texte sind keine Mythen. Das sind Beobachtungsprotokolle.

  — Genau, best?tigte Alex. Feldarchive, lange bevor es das Feld gab.

  Er deutete auf die Tafel.

  — ?Wenn Su zurückkehrt, muss die Welt sich an seinen Schlag erinnern.“Ein schwaches L?cheln glitt über sein Gesicht.

  — Das ist die erste bekannte Warnung vor dem zyklischen Durchgang von LUMEN.

  Audra trat einen Schritt zurück, lie? den Blick von den Artefakten zur schwarzen Scheibe der Gangfenster wandern.

  — Und wenn die Welt sich erinnert, was kann sie dann tun?

  — Sich vorbereiten.

  — Worauf?

  — Auf die Wiederholung.

  Ein langes Schweigen.

  Der blaue Halo, dachte Audra, war nicht nur in den Seen.

  Er wohnte im Ged?chtnis der Welt.

  Uruk lag ausgebreitet in der Ebene, weit und flach, wie eine Insel aus Ziegeln mitten im goldenen Staub. Aus der Ferne wirkte die Stadt wie eine Masse aus Lehm und rosigem Ocker, die die Sonne mit einem gleichm??igen Glanz überflutete.

  Nicht weit entfernt floss der Tigris, tr?ge und schlammreich, und teilte die Dattelpalmenhaine in lange B?nder zarten Grüns. Kan?le führten sein Wasser bis in das Herz der Stadt, ein lebendiges Netz aus D?mmen und Stegen, in dem Boote, Fischer und nackte Kinder, die in der Hitze schrien, durcheinanderliefen.

  Uruk war keine befestigte Stadt wie andere — sie war eine geschlossene Welt, aber sie atmete. Ihre Mauern, über neun Kilometer lang, zeichneten eine schützende Ellipse aus gebrannten Ziegeln und getrocknetem Lehm.

  Im Zentrum erhob sich der heilige Bezirk Eanna, der Inanna geweiht war, der Herrin des Himmels. Seine Zikkurate beherrschten die Stadt — Treppen aus Schatten und Licht, auf denen die Priester bei Sonnenaufgang emporstiegen.

  Weiter westlich lag das Viertel des Anu, des Himmelsgottes, Heimat der Schreiber, Astrologen und Bibliothekare des Tempels. In der Morgend?mmerung erwachten die M?rkte in vertrautem Get?se: das Rufen der Verk?ufer von Zwiebeln und Flussfischen, das Klirren der Kupferschmiede.

  Die Frauen trugen lange Leinengew?nder, mit einem Gürtel aus Fasern gebunden; die M?nner gingen unter der Sonne barbrüstig, den Sch?del rasiert, den Bart kurz und gepflegt.

  Uruk war vor allem eine Stadt des Wissens und des Ritus. Priester-Mathematiker beobachteten den Himmel von den Terrassen des Anu-Tempels aus. Sie hielten auf Tafeln den Lauf der Sterne fest, die Finsternisse, die Tage, an denen das Licht schwankte.

  Wenn die Sonne hinter den Sümpfen versank, erhob sich der Wüstenwind, lau und nach stehendem Wasser riechend. Die Tempel schlossen sich; in den Tavernen nahmen die Musiker Platz; entlang der Kan?le wurden Fackeln entzündet. Unter dem klaren Himmel schienen die Sternbilder n?her, fast greifbar.

  Die Bewohner Uruks lebten mit ihnen — sie lasen ihr Schicksal in der Bahn der Sterne, wie man ein vertrautes Buch liest. In den heiligen Vierteln legten die Priester des Anu Himmelskarten an, mit gespannten Schnüren und kleinen Gewichten aus Bronze.

  Das Sterngew?lbe war nicht nur Kulisse: Es war eine lebendige Schrift, eine Botschaft der Welt.

  Die Stadt ruhte nicht — sie pulsierte.

  Und dieser Puls, tief und regelm??ig, schien im Takt des Himmels selbst zu schlagen, als wüsste Uruk, dass es zu etwas Unermesslichem geh?rte, Unsichtbarem, aber sehr Altem: zum Atem der Erde und der Gestirne —zu jenem Atem des Anu, den Jahrhunderte sp?ter eine verglaste Tafel noch immer benennen würde.

  In jener Nacht war ich auf die Terrasse des gro?en Tempels gestiegen, dorthin, wo der Wüstenwind zuerst spricht, bevor er sich über die Stadt legt. Unter mir schlief Uruk halb, seine D?cher gl?nzten noch von der W?rme des Tages.

  Ich sah die Fackeln in den Kan?len spiegeln und den Rauch aus den H?fen aufsteigen. Alles schien ruhig, treu dem Zyklus der Sommern?chte: Im Osten bellten Hunde, hinter den Mauern des Heiligtums sangen die Priesterinnen der Inanna, und die Schreiber des Hauses der Tafeln ritzten noch ihre Zeichen in den feuchten Lehm.

  Ich nahm mein Rohr und meine Winkelschnur. Jede Nacht beobachte ich die Sternbilder, messe ihre Abst?nde, notiere die Ver?nderungen der Farbe. So sprechen die G?tter zu uns: nicht mit Stimme, sondern mit Licht.

  Doch in dieser Nacht ver?nderte sich das Licht.

  Zuerst war es der Wind.

  This book was originally published on Royal Road. Check it out there for the real experience.

  Er verstummte.

  Dann erstarrte die Hitze, als h?tte die Luft selbst den Atem angehalten. Der Himmel nahm einen seltsamen Ton an, ein sehr dunkles Blau, fast flüssig.

  Die Sterne schienen zahlreicher, doch ihre Ordnung war falsch: Sie setzten sich nicht mehr entlang der Linien, die ich seit meiner Kindheit kannte.

  Einen Moment lang hielt ich es für einen Fehler meines Blicks, für Müdigkeit. Ich blinzelte — und die Sterne verdoppelten sich.

  Ich sah zwei B?ren, zwei Bogenschützen, zwei Monde. Zwischen ihnen zitterte nur eine einzige schwache Leuchtspur: eine schwarze Scheibe, so rein, dass sie das Licht um sich herum verschlang.

  Und von ihrem Rand ging eine bleiche Krone aus, ein Halo in einem Blau, das ich nie auf der Erde gesehen hatte und nicht im Lapislazuli irgendeines Mosaiks.

  Da wurde die Stille vollkommen.

  Selbst der Ruf der V?gel erlosch.

  Ich glaubte, mein Herz habe aufgeh?rt zu schlagen, so sehr h?rte ich nur noch das Blut in meinen Ohren. Dann bebte der Boden — erst sanft, wie der Atem eines schlafenden Riesen.

  Die Becken des Tempels zitterten. Die Fackeln flackerten ohne Wind.

  Und die Sterne begannen zu atmen.

  Ich stieg hastig hinab, glaubte an ein Erdbeben. Doch nichts bewegte sich. Die Mauern hielten, die Statuen hatten nicht gezittert.

  Nur die Zeit schien ihre Haut gewechselt zu haben.

  Die Schritte der M?nner im Hof klangen mit einem leichten Verzug. Wenn ich zu einem Novizen sprach, kam meine eigene Stimme einen Bruchteil sp?ter zu mir zurück, als z?gerte sie, welchen Weg sie nehmen sollte.

  Auch die Schatten gehorchten ihren Herren nicht mehr: Sie streckten sich, falteten sich, entfernten sich ohne Licht.

  Die Schreiber kamen aus dem Haus des Himmels, entsetzt. Einer schrie, er habe gesehen, wie seine eigene Hand ein Zeichen zog, bevor er sie bewegte. Ein anderer brach zusammen und murmelte, zwei identische M?nner seien sich im Gang begegnet.

  Ich hob erneut den Blick.

  Der blaue Halo spannte sich nun über den ganzen Himmel, ein schwebendes Meer. Das Wasser der Kan?le war erstarrt wie Glas.

  Die Oberfl?che spiegelte das Gew?lbe, und ich sah zwei Uruk: das der Lebenden und das des Spiegels, vollkommen deckungsgleich — nur dass das zweite keinen L?rm hatte, kein Feuer, keinen Wind.

  Eine Stadt aus blauem Schatten, atmend im Gleichklang mit der ersten.

  Da begriff ich, warum unsere Alten vom Atem des Anu gesprochen hatten. Es war weder Wind noch ein zorniger Gott, sondern ein Schlag der Welt, ein Durchgang des Himmels durch sich selbst.

  Der Atem, wenn er sich schlie?t, nimmt jene mit, die er gestreift hat. Und wenn er erlischt, l?sst er Stille zurück — und das Ged?chtnis des Doppelten.

  Am Morgen war die schwarze Scheibe verschwunden. Der Halo blieb nur noch am Grund des Wassers, wie eine vergrabene Leuchte.

  Die V?gel sangen wieder, doch ihre Lieder klangen ein wenig versetzt, als h?tte die D?mmerung anderswo stattgefunden, bevor sie hier eintraf.

  Ich schrieb all dies auf eine frische Tafel, denn ich wei?, dass kommende Generationen mir nicht glauben werden. Ich suche nicht zu überzeugen, nur zu bezeugen.

  In jener Nacht erinnerte sich die Welt daran, dass sie nicht einzig ist.

  Und wir, Diener des Anu, verstanden, dass selbst der Himmel sich in einem anderen Himmel betrachten kann.

  Das Dorf Per-Baou, ?Haus des Windes“, lag auf einer Zunge alluvialen Landes zwischen zwei Armen des Nil, einen Tagesmarsch südlich von Theben.

  Ein paar Dutzend H?user aus Lehmziegeln bildeten ein unregelm??iges Schachbrett, zum Fluss hin ausgerichtet, vor den überschwemmungen geschützt durch einen Damm aus festgestampftem Schlamm und geflochtenem Schilf.

  Das Leben des Dorfes folgte dem Rhythmus des Nil wie dem Schlag eines riesigen Herzens — unver?nderlich, geduldig und doch launisch.

  Am Morgen traf die Sonne zuerst die flachen D?cher, bedeckt mit Matten und Wasserkrügen, um die Kühle zu bewahren. Kinderstimmen, Rufe der Hirten, Schritte im Lehm: Alles begann neu wie am Vortag.

  Fischerboote glitten den Fluss hinab, ihre Segel aus grobem Leinen bl?hten sich in der Nordbrise.

  Die H?user von Per-Baou waren niedrig, flachdachig, mit Kalk wei? getüncht, um einen Innenhof gruppiert, in dem das Kr?hen des Hahns und das Bl?ken der Ziegen widerhallte.

  Ein Krug mit frischem Wasser stand stets am Eingang, und die W?nde trugen die Zeichen der Generationen: von Kindern geritzte Linien, Schutzsymbole gegen die Geister der Wüste.

  Am Abend entzündete man ?llampen aus Ton in den Wandnischen, und ihr Schein tanzte über die Gesichter, vermischt mit den Schatten der Palmen.

  Menka, der Vater, hatte H?nde, die von rotem Ocker und feinem Lehm gef?rbt waren. Er arbeitete in einer kleinen Werkstatt, zur Stra?e hin offen — ein einfacher Schilfunterstand, in dem Holzscheiben auf ihren Achsen kreisten.

  Jeden Morgen knetete er den Lehm, mit Flusssand gemischt, und formte Amphoren, Lampen, Krüge, Schalen und kleine Votivskarab?en für den Tempel weiter n?rdlich.

  Seine geduldige, genaue Kunst war der Stolz des Dorfes.

  Seine Frau Nofret bereitete die Masse vor und überwachte den Brand im Ziegelofen hinten im Hof. Sie kannte die Zeichen des Windes, die Farbe des Rauchs, der ankündigte, ob der Brand gelingen würde oder ob die Hitze den Ton verriet.

  Ihr Haar war mit einem Leinenband geb?ndigt, ihr Blick wach, immer in Bewegung.

  Sie regelte den Tauschhandel mit Fischern und Bootsleuten und tauschte Keramik gegen getrockneten Fisch oder Honig.

  Ihr ?ltester Sohn Kha?, zehn Jahre alt, half seinem Vater, kleine Votivlampen zu formen. Er liebte es, den Geschichten der Schreiber aus dem Tempel von Theben zu lauschen, die von Sternen und G?ttern erz?hlten, die auf der Barke des Re fuhren.

  Manchmal stieg er nachts aufs Dach, um die Sternbilder zu betrachten, und glaubte, in den Nebeln des Südens die Schlange Apophis zu sehen.

  Seine jüngere Schwester Tiy, sieben Jahre alt, folgte ihrer Mutter, trug Krüge, verteilte Wasser an die Nachbarn w?hrend der gro?en Hitze. Ihr helles Lachen klang durch die engen Gassen, in denen Katzen im Schatten schliefen.

  Alles hing vom Nil ab.

  Wenn er stieg, zogen die M?nner die Boote hinaus und reparierten die D?mme; wenn er fiel, pflanzten sie Flachs und Gerste in die schlammigen Furchen.

  Die Frauen mahlten Korn auf flachen Steinen, die Kinder jagten den Ibissen nach, und die Priester des Weilers rezitierten Hymnen an den Gott Hapy, den Wohlt?ter der Flut.

  Menka sprach nicht viel.

  Doch an manchen Abenden starrte er lange auf den Fluss und sagte:

  — Der Nil erinnert sich. Selbst wenn er schl?ft, tr?umt er von dem, was er gesehen hat.

  Eines Sommerabends, als der Südwind aufkam, bemerkte Nofret ein seltsames Leuchten auf dem Wasser.

  Es war weder das Feuer der Fischer noch der Widerschein der Sterne, sondern ein blasses, bl?uliches Licht, das aus der Tiefe des Flusses selbst zu kommen schien.

  Die Kinder verstummten.

  Das ganze Dorf hielt einen Moment lang inne, den Atem angehalten.

  Dann fiel der Wind, und das Licht verschwand, als h?tte die Nacht es verschlungen.

  Menka legte die Hand auf die Schulter seines Sohnes.

  — Wenn der Nil so atmet, sagte er, dann erinnert er sich an etwas sehr Altes.

  Kha? fragte:

  — Woran, Vater?

  Menka antwortete, ohne den Blick vom Fluss zu l?sen:

  — An eine Zeit, in der selbst die G?tter ihr Spiegelbild betrachteten.

  Der Abend kam ohne D?mmerung.

  Die Sonne, sonst so langsam im Sterben über den Wassern des Nil, erlosch mit einem einzigen Schlag — als sei sie von einer unsichtbaren Hand ausgeblasen worden.

  Der Himmel wurde in einem Herzschlag schwarz, dann schw?rzer als Schwarz, jenseits der Nacht.

  Im Dorf Per-Baou erzitterten die Krüge, die Lampen flackerten, und die Stille fiel herab, dichter als Stein.

  Menka, der vom T?pferofen zurückkam, spürte zuerst ein Gewicht in der Luft. Der Staub, statt zu fallen, schwebte in leuchtenden Spiralen.

  Der Boden verformte sich vor den Augen — gerade Linien wellten sich, Schatten glitten gegen ihre eigene Quelle.

  Er dachte an das Beben eines Gottes, doch der Boden vibrierte nicht: er bog sich.

  Nofret, seine Frau, stand im Hof und presste die jüngste, Tiy, an sich. Weiter drau?en rannte Kha? zum Fluss, um das seltsame Leuchten zu beobachten, das aus dem Wasser aufstieg.

  Ein blauer Halo legte sich über die Oberfl?che des Nil wie flüssiges Feuer, schillernd unter einem Himmel, dem pl?tzlich die Sterne fehlten.

  Die Spiegelungen formten zwei Ufer, zwei D?rfer, zwei Monde — und die Gestalten derer, die hinsahen, erschienen doppelt, um einen Atemzug in der Zeit versetzt.

  Aus der Tiefe stieg ein dumpfes Grollen, weder Donner noch Beben — ein kontinuierlicher, gebogener, fast musikalischer Ton, der Fleisch und Knochen erzittern lie?.

  Die Krüge platzten, die V?gel stürzten zu Boden, unf?hig zu fliegen. Die B?ume am Ufer schienen sich einer unsichtbaren Richtung zuzuneigen.

  Dann hob sich der Nil.

  Keine Welle, sondern eine Hebung der gesamten Oberfl?che, ein vollkommenes W?lben, das für einen Augenblick den Grund des Flusses enthüllte, bevor es ohne Spritzer zurücksank.

  Die Fische hingen reglos im Wasser, als w?ren sie auf Glas gemalt.

  Die Zeit stand still — oder vielmehr: sie begann, sich zu ?ffnen.

  Menka wollte schreien, doch kein Laut kam aus seinem Mund. Um ihn herum zerfiel alles.

  Das Dorf, der Damm, die fernen Hügel vibrierten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

  Einige Dinge wurden durchscheinend, andere glühten in einem inneren blauen Licht.

  Er hob den Blick und sah über sich eine schwarze Scheibe, winzig und doch furchtbar dicht, umgeben von einer pulsierenden bl?ulichen Krone.

  Der Himmel schien sich um diesen Punkt zu falten, wie ein Tuch, das in einen Brunnen gesogen wird.

  Nofret spürte, wie die kleine Tiy ihr aus den Armen glitt.

  Das Kind begann zu glitzern, erst schwach, dann zerfiel sein K?rper in Tausende Lichtf?den, bevor er in einem lautlosen Aufblitzen verschwand.

  Nofret schrie, doch ihr Schrei zog sich in der Luft wie ein Faden, den man spannt: Das Ende ihrer Stimme kam lange nach dem Anfang.

  Kha? am Ufer sah, wie Mutter und Schwester langsam erloschen, als verga? die Welt sie, w?hrend sie sie ansah.

  Da spürte auch er das Licht unter seinen Fü?en aufsteigen — und er verschwand, in den Spiegel des Nil gezogen, ohne Ger?usch, ohne Spur.

  Menka blieb allein in absoluter Stille.

  Dann sah er sie pl?tzlich wieder erscheinen — Nofret, Kha?, Tiy — ein paar Schritte entfernt, die Luft erstarrt, die Konturen zitternd, als w?ren sie auf eine unsichtbare Scheibe gemalt.

  Sie schienen ihn anzusehen, den Mund ge?ffnet, doch kein Ton erreichte ihn.

  Er rannte auf sie zu.

  Seine Schritte wurden langsamer, sein Atem dehnte sich, die Welt spaltete sich.

  Auf halbem Weg erstarrte der Boden.

  Nofret, auf ihrer Seite der Zeit, sah dasselbe: Menka, wie er auf sie zulief, doch seine Bewegung wurde z?h, bis zur Unm?glichkeit verlangsamt, wie ein zu schwerer Traum.

  Dann l?ste er sich auf — zuerst an den Fü?en, dann am Rumpf, schlie?lich im Gesicht — und lie? einen blauen Schatten zurück, der noch einen Moment hing, bevor er in der reglosen Luft verging.

  Für sie war Menka verschwunden.

  Für ihn waren es sie, die aufgeh?rt hatten zu existieren.

  Der Halo stieg auf und verschlang die Ebene.

  Die Ziegel verglasten.

  Die Dattelpalmen wogten wie Flammen ohne Feuer.

  Dann brach pl?tzlich alles zusammen.

  Die schwarze Scheibe zog sich in sich selbst zurück und verschlang ihr eigenes Licht.

  Die Stille wurde total, absolut.

  Als der Tag zurückkehrte, war das Dorf Per-Baou nur noch eine Fl?che aus rissigem Glas, durchzogen von bl?ulichen Reflexen.

  Menschliche Formen waren darin eingefroren, als w?ren sie in die Materie geschmolzen.

  Für Menka ging die Sonne über einer leeren Welt auf.

  Die H?user standen intakt, die Felder grünten, doch es gab keinen menschlichen Atem mehr.

  Er suchte die Seinen vergeblich und hielt alles für einen Traum.

  Der Nil floss rückw?rts, dann wieder stromabw?rts, als z?gere er, welche Zeit er w?hlen sollte.

  Der Mond blieb am hellen Tag sichtbar.

  Für Nofret, Kha? und Tiy ging dieselbe Sonne auf — doch über einem verlassenen Ort, ohne Vogel, ohne Wind.

  Der Fluss spiegelte sie nicht.

  Sie gingen lange in dieser identischen Welt, der jedes Echo fehlte, überzeugt, Menka sei für immer verschwunden.

  Zwei H?lften der Welt hatten sich getrennt, jede trug die Abwesenheit der anderen.

  Und am unsichtbaren Himmel setzte LUMEN-Δ1 seine Bahn fort, gleichgültig, zog durch den Raum eine blaue Narbe, die nur die Zeit noch schlie?en konnte.

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