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4. Neil

  Neil versuchte, gerade zu entziffern, welche Teile seines K?rpers nicht wehtaten. Verflucht, einfach alles... von Kopf bis zu den kleinsten Zehenspitzen... schmerzte h?llisch, als h?tte man ihm sonst was angetan. Egal, ob man ihm etwas in den Drink gemischt, ihm etwas ins Blut gespritzt oder ihn einfach von oben bis unten verm?belt hatte. So hatte sich Neil vielleicht einmal gefühlt, ganz am Anfang ihres Kriegstrainings, als sie keinen blassen Schimmer von nichts gehabt hatten. Sein Vater hatte keine Gnade gezeigt, und am Ende waren seine Gliedma?en nur so von blauen Flecken übers?t gewesen. Brutal hart, aber es hatte sich ausgezahlt... denn nun war er der Beta des Rudels. Er würde alles dafür geben, dass es sicher wachsen und gedeihen konnte. Dennoch ?nderte das nichts an seiner aktuellen Situation... jeder Knochen, jeder Muskel und jede noch so kleine Stelle schmerzte… und warum zur H?lle brannte sein Innerstes, als würde Lava durch seinen K?rper flie?en? Nicht, dass er wüsste, wie sich das wirklich anfühlte.

  ?Guten Morgen, Sonnenschein“, drang eine ihm v?llig unbekannte, düstere und sarkastische Stimme an sein Ohr. Neil riss sofort die Augen auf, die er noch schmerzhaft zusammengepresst hatte. Schon bei der kleinsten Bewegung entwich ihm ein qualvolles St?hnen, als h?tte ihm jemand einen Schlag ins Gesicht verpasst.

  ?Verfluchte Schei…?e…“, st?hnte Neil noch einmal, als er versuchte, sich zu bewegen. Das Einzige, was er zustande brachte, war eine mühsame Drehung. Er hatte mit dem Gesicht nach unten gelegen, doch nun schaffte er es, sich auf den Rücken zu w?lzen... als w?re er ein beschissener Pfannkuchen. Passt perfekt... vorher wie Eier zerschlagen und nun diese unertr?gliche Hitze. Er wusste selbst nicht genau, was los war, und dennoch kamen ihm unabl?ssig sarkastische Gedanken in den Sinn.

  ?Sorry, Sonnenschein, ich würde dir ja gerne helfen… aber ich bin ziemlich… eingeschr?nkt“, erklang wieder die sarkastische Stimme an seinem Ohr. Neil wusste, dass er jetzt wirklich die Augen ?ffnen sollte. Zuerst war sein Blickfeld unscharf, doch dann erkannte er eine kahle Decke… Gitterst?be? Verwirrt versuchte er, sich aufzurichten, und blickte sich irritiert um. Seine Sinne hatten sich nicht get?uscht... Neil sa? in einem gottverdammten K?fig. Mit einem Schlag schalteten sich all seine Sinne ein. Seine Nase nahm einen bestialischen Gestank wahr... nach Blut, vermischt mit Ausscheidungen und Tod. Eine ekelhafte Kombination, die seinen Magen umdrehte und ihm die Galle hochkommen lie?. Immer mehr Eindrücke nahmen Gestalt an, je l?nger er sich umsah. Er sa? wirklich in einem K?fig, in dem er sich gerade so bewegen konnte. Und seine Umgebung sah nicht besser aus... er erblickte mehrere K?fige in unterschiedlichen Gr??en. Einige waren leer, andere belegt... und zwar in einem fürchterlichen Zustand. Unter den Gefangenen erkannte er auch eine Wolfsgestalt... Neil ging davon aus, dass es sich um einen Wandler handelte. Alles in allem wirkte der Ort wie eine H?hle... die W?nde bestanden aus grobem Stein, der Boden sah nicht anders aus, und nur sp?rlich platzierte Fackeln spendeten flackerndes Licht.

  Neben ihm regte sich etwas, und Neils brauner Blick wandte sich dorthin. Er sah in ein Gesicht, das v?llig verwildert wirkte. Die Haare dieses Mannes waren lang und durcheinander, sein Bartwuchs schien v?llig au?er Kontrolle geraten... als h?tte er jahrelang keinen Spiegel, kein Wasser und keinen Friseur gesehen. Sein Oberk?rper war frei, doch Dreck, Blut und wer wei? was noch haftete daran. über Oberarme und Brust zogen sich schwarze T?towierungen, die durch die Verschmutzung kaum zu erkennen waren. Auf seiner schmalen Hüften ruhte nur eine dunkelbraune, zerschlissene Hose. So sa? er da und starrte Neil mit dunkelblauen Augen an.

  Wie lange war dieser Mann schon hier?

  ?Wa… was ist… passiert?“, knurrte Neil heiser und lie? seinen Blick erneut herumwandern, als k?nne er seine Situation immer noch nicht begreifen. ?Wo… sind… wir?“

  Ein sarkastisches, raues, tiefes Lachen drang aus der Kehle des Mannes neben ihm. ?Ganz einfach... Herzlichen Glückwunsch, du hast dir ab heute ebenfalls einen Luxustrip in diese schei? H?lle verdient“, sagte er trocken. Neil fand das überhaupt nicht lustig... sein Blick verfinsterte sich. ?Keine Ahnung, wo diese Bastarde dich aufgegriffen haben, aber du bist vor ein paar Stunden hier reingeworfen worden... ein neues Mitglied für ihre verfluchten, beschissenen, wahnhaften Experimente.“

  Neils Augen weiteten sich vor Schock, und die ersten Schwei?perlen rannen über seine Stirn. Schei?e, warum war es hier so verdammt hei?? ?W… was?“

  ?Tss“, schnalzte sein Nachbar mit der Zunge, als k?nne er nicht glauben, dass Neil immer noch nicht kapiert hatte. ?Warst du blind, als dich die J?ger gefangen genommen haben?“

  Ab diesem Zeitpunkt schossen gedankliche Blitze durch seinen Kopf, und seine Augen rissen noch weiter auf, sodass es beinahe schmerzhaft aussah. Der Angriff auf den Konvoi, in dem seine Schwester und Adair gewesen waren. Neil war mit seiner Einheit gerade noch rechtzeitig eingetroffen und hatte die überzahl an J?gern angegriffen. Er pers?nlich hatte Sorcha als Erstes geholfen, weil sie schwer verletzt war und er an ihrer Seite sein musste. Er hatte sie gestützt, als sie zu Boden ging, w?hrend sein Wolf vor Trauer und gleichzeitig vor Zorn gewimmert hatte. Er wollte sie umsorgen, hatte sie sogar zum Trost mit seiner Schnauze beruhigen wollen, sie teilweise abgeleckt. Doch je l?nger er auf die Wunde seiner kleinen Schwester gestarrt hatte, desto wütender war er geworden. Deshalb hatte er Shanna gedanklich den Befehl gegeben, sie von hier fortzubringen. Sie hatte es getan… w?hrend er sich in die Schlacht gestürzt hatte. Er wollte die Verbliebenen niederrei?en, und einige hatte er auch zu Fall gebracht. Doch pl?tzlich hatte ein unbekannter Schmerz seinen Hals getroffen... und danach… ja, was? Alles war auf einmal dunkel geworden. Er erinnerte sich an nichts mehr, bevor er hier aufgewacht war. Anscheinend hatten diese verfluchten J?ger ihn gefangen genommen und in einem K?fig eingesperrt, als w?re er ein beliebiges Tier… ohne dass er es bemerkt hatte. Sein Zorn brodelte erneut auf. Sein K?rper versteifte sich, und ein todbringendes Knurren drang über seine Lippen.

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  ?Sieht so aus, als k?nntest du dich wieder erinnern“, sagte der Mann neben ihm monoton und schnaufte.

  ?Aye“, brummte Neil nur tief aus seiner Kehle. Sein Nebenmann hob nur eine Augenbraue.

  ?Du bist Schotte.“ Es klang wie eine Feststellung, keine Frage. ?Dann kommen wir aus dem gleichen Heimatland“, fügte er teilweise erfreut hinzu. Neil richtete seine Aufmerksamkeit nun ganz auf ihn.

  ?Aye, ich hei?e Neil MacKenna und komme vom MacKenzie-Rudelclan. Aus dem Galloway Forest“, sagte er knapp.

  ?Aah, von euch habe ich geh?rt... auch wenn ich keine neuen Informationen mehr bekommen habe, seit ich hier sitze. Ich hei?e Hamish Fraser und komme aus dem MacLeod-Rudelclan. Aus den Grampian Mountains.“

  Erneute Erinnerungen schossen durch Neils Kopf. ?Auch ich habe von euch geh?rt. Ein Rudelclan, der in den Bergen lebt… zurückgezogen und abgeschottet von der Au?enwelt“, meinte Neil. Ein wilder Clan. Dazu passte Hamishs verwildertes Aussehen … auch wenn Neil nicht glaubte, dass es allein davon kam, sondern von dieser Gefangenschaft. ?Seit wann sitzt du hier fest? Und hast du nicht schon einmal versucht, diesen K?fig in deiner Wolfsbestie zu zerschmettern? Wir w?ren dazu in der Lage.“

  Ein zynisches, fast krankhaftes Lachen drang über Hamishs Lippen. ?Seit wann ich hier bin? Verflucht, keine Ahnung. Wochen… Monate… was wei? ich. Hier verlierst du als Erstes dein Zeitgefühl, bevor du dem Wahnsinn verf?llst. Oder deinen Verstand verlierst. Wie man es nimmt“, meinte er, als w?re es am Ende belanglos. ?Sieh dir den an“, sagte er und deutete gegenüber in einen anderen K?fig. Dort lag eine abgemagerte, nackte Gestalt, die sich nicht rührte. Sein Aussehen war verdreckt und niemand konnte sagen, wie seine natürliche Hautfarbe aussah. Au?er das er viel Narben und Wunden besa?. Die Augen waren offen, doch Neil konnte nicht sagen, welche Farbe sie besa?en... so leer wirkten sie. ?Er war vor mir hier, aber am Anfang meiner Gefangenschaft bewegte er sich noch wie ein wildes Tier. Und jetzt…“, zischte Hamish mitleidig. ?Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. So wird es jeden von uns ergehen, je ?fter sie dich hier raus holen und wieder in den K?fig sperren.“ Neil spürte, wie sein Herz beinahe stehen blieb und ein eisiger Schauer ihm über den Rücken kroch. Schmerzhaft und qualvoll. Einige der Insassen bestanden wirklich fast nur aus Haut und Knochen… und standen an der Schwelle des Todes. ?Was deine Frage zum Ausbruch angeht… versuche es erst gar nicht“, sagte Hamish streng und warnend, als steckte eine verborgene Botschaft dahinter.

  ?Wieso nicht? Fangen sie einen wieder ein?“, fragte Neil. Das k?nnte er sich gut vorstellen.

  ?Tss“, zischte Hamish wieder lachend, als f?nde er es witzig, doch in seinen trostlosen dunkelblauen Augen erschien kein Funke Humor. ?Ist dir noch nicht aufgefallen, dass diese K?fige aus Silber bestehen?“, fragte er. Da blickte Neil an den Gitterst?ben empor und erkannte jetzt das feine, silbrige Material. Schei?e… ?Selbst wenn du den brennenden Schmerz aush?ltst, w?hrend du die St?be zerschmettern willst, wirst du daran scheitern. Schau dir die anderen K?fige an... jeder Einzelne... jeder hat eine andere Gr??e“, sagte Hamish herausfordernd und deutete auf die umliegenden Zellen. Wenn Neil grob sch?tzen müsste, waren es an die drei?ig bis vierzig K?fige ringsum. Jeder besa? wirklich eine unterschiedliche Gr??e. Selbst weiter hinten erblickte er einen K?fig, der schmerzhaft klein war. Darin lag ein bewusstloser Wolf, dessen dunkles Fell einen Haufen Verbrennungen aufwies... halb verkohlt... als h?tte er wie wild in seiner Zelle getobt und versucht auszubrechen. ?Aye, du schaust genau auf den richtigen K?fig“, knurrte Hamish. Sein Gesicht verfinsterte sich, was seinem ohnehin verwilderten Aussehen noch etwas Bedrohliches hinzufügte. ?Ich habe es gesehen. Er wütete panisch… versuchte alles. Und je ?fter er die Gitterst?be berührte... als würden die Verbrennungen allein nicht genügen... verkleinerte sich dieser Horrork?fig. Als l?ge etwas Magisches darauf. Mit jedem Versuch wird uns mehr Freiraum genommen… bis wir vielleicht darin zerquetscht und qualvoll verrecken. Allein das Silber ist für uns Wandler schon die H?lle... und auf Dauer t?dlich, wenn wir ihm l?ngere Zeit ausgesetzt sind. Sobald unser inneres Tier das bemerkt …“, mahnte Hamish mit einer bitteren Note, ?… ist Panik in solch einer Situation das Letzte, was du willst. Wir ertragen diese Enge nicht und geraten immer mehr in den panischen Instinkt auszubrechen… bis du bewusstlos zusammenbrichst, nur um sp?ter wieder wach zu werden und genau dort weiterzumachen, wo du aufgeh?rt hast.“

  Neils Gesicht wurde immer bleicher, w?hrend er die Horrorvorstellung seines Nachbarn anh?rte. Allein diese Vorstellung war grauenhaft… Was bedeutete: Sie hatten absolut keine Chance auszubrechen, ohne vorher qualvoll zugrunde zu gehen.

  Wer dachte sich eine solche krankhafte Schei?e aus?

  Sein Herz schlug in seiner Brust immer heftiger, und Neil wusste nicht mehr, ob er noch genug Luft bekam. Unbewusst versuchte er, nach seinem Rudelband zu greifen, weil er etwas brauchte, das ihm Halt gab. Doch er spürte nur ein leises Vibrieren... als w?re es meilenweit entfernt. Greifbare Leere. So weit entfernt, dass er keinen Kontakt aufbauen konnte. Sein Wolf winselte vor Panik und Verlust. Schmerzhaft musste Neil sich an die Brust fassen, als ihm das volle Ausma? bewusst wurde… und in welch lebensbedrohlicher Situation er steckte. Er glaubte diesem Mann, der alles auf so grauenvolle Art und Weise beschrieben hatte. Keiner dachte sich solch einen sadistischen Mist aus. Und je l?nger Neil ihm zugeh?rt und in sein Gesicht geblickt hatte, desto mehr war ihm aufgefallen, wie leer Hamishs Augen dabei wurden... als kapselte er sich von diesem Schmerz ab. Von diesen horrorartigen Erinnerungen, die in dieser Dunkelheit, in dieser H?lle lauerten.

  Wo zur H?lle befand er sich?

  Noch mehr Schwei? rann ihm die Schl?fen hinab, und Neil wischte sich über die Stirn. Er war echt kurz davor, sich die Kleider vom Leib zu rei?en. ?Wieso ist das so… verschissen hei? hier?“, knurrte er halb panisch, halb verzweifelt, weil seine Gedanken rasten.

  ?Hei??“, brummte Hamish sp?ttisch. ?Ich w?re froh über etwas W?rme. Hier ist es k?lter als in einem Frierkasten der Menschen. Mich würde nicht wundern, wenn meine Eier schon blau w?ren“, sagte er. Wie konnte er bei so einer beschissenen Situation nur noch sarkastisch sein? Er musste schon viel mehr gesehen, erlebt und erlitten haben... vermutlich auch am eigenen Leib, wenn man ihm zuh?rte.

  Doch als Neil sich umblickte, erkannte er die zitternden Gestalten in ihren K?figen besser… dieses Wimmern voller Leid. Aber er selbst schwitzte, als s??e er auf glühenden Kohlen. Neil zog sein langes Trainingshemd aus und schleuderte es in den Nachbark?fig. Hamish fing es mit gehobenen Augenbrauen auf. ?Dann zieh es an“, keuchte Neil. Dann dachte er... nein … als Wandler wurden sie nicht krank. Sie bekamen kein Fieber oder andere menschliche Krankheiten. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Hatten diese Hurens?hne ihm etwas gegeben? War das der Grund, warum ihm jetzt so irre hei? war?

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