Das glühende Flammenmeer umgab Emmanline erneut, indem sie schon ein paar Mal gewesen war… am Anfang war sie davor zurückgeschreckt und hatte sogar Panik verspürt, doch jetzt wusste sie, dass dieses Meer voller Flammen ihr nichts antun wollte, sondern sie vor etwas bewahrte. Sie wusste zwar noch nicht, wovor genau, aber vielleicht würde sie den Grund eines Tages erfahren, wenn sie sich genug anstrengte.
Ungew?hnlich, aber Emmanline hatte sich wirklich an diese Umgebung gew?hnt… an dieses Meer aus Feuer, das dennoch nicht wirklich brannte. Es sollte vor Hitze alles verbrennen und verglühen, doch es war nur eine angenehme W?rme auf ihrer Haut… sofern sie es spüren konnte… als w?re ein wohliger Mantel um sie gelegt worden. Dabei trug sie nichts als einen dünnen Stoff am Leib, w?hrend sie mit nackten Fü?en über hei?e Kohle lief… trotzdem verbrannten ihre Fu?sohlen nicht.
Erwartungsvoll trat Emmanline wieder zu dem Baum heran, der st?ndig nach ihr rief… nicht mit Worten, sondern mit einer Art magischer Schwingungen, die eine starke Anziehungskraft besa?en und sie unaufhaltsam n?herzogen. Emmanline hatte tief in sich gespürt, dass Lucien noch eine andere Aufgabe zu erledigen hatte, und sie hielt ihn auch nicht auf… das würde sie auch niemals tun. Es war seine Pflicht als K?nig unter seinesgleichen. Zumal hatte sie ihn auch fortgeschickt, damit sie alleine sein konnte. Würde Lucien sich noch immer mit ihr in einem Raum befinden, k?nnte sie niemals dem weiter auf den Grund gehen, weswegen sie hier war. Sie wollte wirklich den Dingen auf den Grund gehen, was dieser Rubin beinhaltete. Nur einen klitzekleinen Augenblick, und Lucien würde sie wieder zurückrei?en, ohne dass sie Erfolg auf neue Antworten h?tte. In ihr erkannte sie das Verlangen und den starken Sog.
Alleine konnte Emmanline viel mehr erreichen, auch wenn es Lucien nicht akzeptieren oder sehen wollte… immerhin hatte er sie darum gebeten, ihm zu helfen. Das tat sie auch. Darum konzentrierte sie sich nur noch ausschlie?lich auf diesen Rubin.
?Was willst du von mir?“, fragte Emmanline flüsternd zu dem Baum hin… sicher konnte er ihr nicht antworten, aber das war nicht n?tig. Nicht weil sie die Antwort wusste, sondern weil sie sie eigentlich auch nicht brauchte und wissen wollte. Dies passierte aus einem ganz bestimmten Grund, den sie nicht hinterfragen würde.
Wieder ganz nahe trat Emmanline an diesen Baum heran und schaute hinauf, der gr??er und gr??er wurde… stetig wurden die Verzweigungen immer mehr, und es war ihr immer noch ein R?tsel, wie er weiter wachsen konnte. Es konnte nur ein Ph?nomen in ihrem Geist sein, und dennoch war es kein Traum. Dies mochte eine Erscheinung in ihrem Inneren sein, aber es musste eine Bedeutung geben, die sie entschleiern musste.
Aufmerksam beobachtete Emmanline mit schr?g gelegtem Kopf dieses Monstrum und versuchte irgendetwas aufzukl?ren, womit sie etwas anfangen k?nnte… einen Anfang finden, wonach sie gehen konnte… einen Faden, an dem sie ziehen und alles aufflechten lie?. Emmanline kniff ihre Augen zusammen, als sie noch immer nach oben blickte, durch die vielen feinen dünnen ?ste… jetzt fing sie an, mit ihrer Stirn zu runzeln. Etwas stimmte da nicht. Sie blinzelte einige Male mit ihren schneewei?en Wimpern. Noch einmal. Vielleicht noch ein paar weitere Male, und an dem, was sie sah, ?nderte sich nichts. Emmanline trat noch einen Schritt an den Baum heran, um vielleicht besser sehen zu k?nnen, dennoch gab es keine bessere Sicht, aber sie brauchte keine weitere Perspektive oder gar einen weiteren Schritt. Etwas wirklich Erstaunliches bot sich vor ihren silbernen, offenen inneren Augen… woran sie nicht geglaubt h?tte. Sanft legte Emmanline ihre beiden Handfl?chen auf die raue, trockene Schicht des Baumes, weinende blutige Tr?nen die darauf hinabflie?en… konnte den dunklen Kontrast von ihrer hellen Haut zur dunkelbraungr?ulichen Rinde erkennen und konnte einfach nicht den Blick von oben der m?chtigen Baumkrone abwenden… was Emmanline dort sah, war nur ein einzelnes Blatt… ein grünes, kleines Blatt.
Der Baum war trocken, die Umgebung hei?, und es gab nichts, was zum Schutz diente… voller überraschung und Unglauben analysierte Emmanline dieses kleine grüne Blatt, das an einem der vielen verzweigten, dürren ?ste hing, als ginge es unter den ganzen Verzweigungen unter. Normalerweise h?tte es darunter verschwinden müssen, dennoch stach es heraus… so au?ergew?hnlich war dieser Augenblick. Sie hatte ja schon viele Dinge in ihrem Leben gesehen, aber dies wahrhaftig noch nicht. Emmanline brauchte sich nicht umzublicken, wie abstrakt das aussehen musste. All dies konnte sie auf das Gespinst ihrer Phantasie schlie?en… einen Streich, der sich wiederholte und sich etwas Neues hinzuspinnen begann, wie ein Spinnennetz, das stetig gr??er wurde. Nichtsdestotrotz war es mehr als nur ein Gespinst ihrer Phantasie… all das, was sich vor ihr abspielte, immer und immer wieder, war die Schuld des blutroten Rubins der Drachen. Es hatte etwas Abgrundtiefes, wenn es sich so offenbarte. Emmanline konnte es spüren, tief in sich drinnen… tief in ihrem Herzen, in ihrer Seele… wo sie berührt wurde. Jetzt noch fester und tiefer als je zuvor.
Also wie konnte es sein, dass ein solch hellgrünes Blatt existierte in einem Meer von Flammen?
Dieses Feuermeer mochte ihr nichts anhaben, aber war dennoch auch der Baum davon betroffen. Sicher stand er nicht in Flammen, aber das Feuer kam auch nicht an den Baum heran, weil es durch Gestein und Ger?ll geschützt war. Es war mehr als seltsam, und Emmanline konnte vermutlich so viel ihren Kopf zerbrechen, wie sie wollte… sie würde darauf keine L?sung und keine Antwort bekommen. Vielleicht eines Tages. Oder auch gar nicht… wer wusste das schon.
Nur was sollte sie jetzt tun? Sch?n, der Baum hatte ein grünes Blatt… was hie? das jetzt? Wuchsen jetzt langsam neue Bl?tter? Würde der Baum zum neuen Leben erwachen? Würde hier in diesem Traum oder was auch immer etwas Widersprüchliches entstehen? Leben würde zwischen etwas Vernichtendem entstehen… etwas würde zwischen Hitze und Flammen wachsen, was es zuvor noch nie gegeben hatte.
Gleichzeitig war es doch wieder nicht ungew?hnlich… immerhin war es wie ein Traum. Eine andere Welt, die existierte, wo alles m?glich sein k?nnte… sogar ein Leben in einem tosenden Feuer.
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?Sie tun es.“ Erschrocken drehte Emmanline sich blitzartig um… ihr Herz setzte einen Schlag aus, und ihre Augen waren erschrocken geweitet. Dort in all den Flammen gehüllt stand ein kleines M?dchen… das kleine M?dchen mit blondgoldenem Haar und lila Augen. Es war die kleine Tochter von Linava und Cynder. ?Sie tun es.“ Wiederholte sie die gleichen Worte. ?Mama und Papa… wollen es versuchen.“ Auf dem kindlichen Gesicht entstand solch ein herzerw?rmendes L?cheln, das Emmanline beinahe zu Fall brachte… hoffnungsvoll und so voller Vertrauen. ?Jetzt darf ich endlich gehen und wieder… da sein.“ Emmanline wusste nicht, wovon sie sprach, aber sie wollte auch nicht nachfragen… sie wollte nichts von diesem Strahlen in ihrem Gesicht nehmen, das sie so bezaubernd und unschuldig machte.
Doch wie kam sie auf einmal hierher?
?Ich muss jetzt gehen. Er ruft nach mir.“ Das M?dchen blickte über Emmanline hinweg zum Baum hinauf. Wer rief nach ihr? Mit einem Blick nach hinten blickte Emmanline den Baum an, aber gleich wieder zu dem M?dchen… das bereits wieder verschwunden war. Das Einzige, was sie noch erkennen konnte, waren aufsteigende r?tliche Feuerfunken. Jetzt konnte sie etwas in Verbindung bringen.
Erneut wandte Emmanline sich dem Baum zu und schaute zum grünen Blatt hinauf… k?nnte es m?glich sein, dass dieses Blatt die Tochter von Linava und Cynder war? Also k?nnte dieser Baum noch grüner werden, wenn jetzt schon eines daran wuchs. Dies k?nnte ein Grund sein, warum die Drachen keine Erl?sung fanden… weil sie gefangen waren. Gefangen in einer Zwischenwelt, zwischen Leben und Tod. Dies musste ein Fluch sein, der sie daran hinderte, einen wirklichen Abschied zu nehmen. Lag es an ihr, ihnen allen zu helfen? Sah sie jetzt alle toten Drachen um sich herum?
Emmanline bekam jetzt schon eine G?nsehaut… warum sah sie sie erst jetzt und nicht schon früher? Lag es vielleicht daran, dass sie jetzt erst ihre Aufgabe akzeptierte, was der blutrote Rubin ihr auftrug? Wom?glich. Sollte es so sein und sie k?nnte sogenannte Geister sehen, dann k?nnte es sehr schwierig werden… vor allem zu viel. Was würde ihr begegnen? Wer würde ihr begegnen? Was würden sie tun? Oder… gar handeln? Wie k?nnte Emmanline mit all dem umgehen, ohne verrückt zu werden?
Mit einem Seufzer wandte Emmanline sich von dem Baum ab, denn sie musste darüber nachdenken… und zwar nicht hier.
Emmanline schlug mit einem Schlag ihre Augen auf, blieb aber so liegen und starrte die Decke des dunklen Zimmers an… ihre Gedanken rasten. Was sollte sie jetzt tun? Das überstieg alles, was sie kannte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit stand Emmanline auf, erkannte, wie die Nacht hereingebrochen war und alles im dunklen Mantel umhüllte… Lucien war noch nicht zurückgekehrt, und es musste wirklich etwas Wichtiges gewesen sein. Sie konnte auch nicht sagen, wie lange sie in dieser Art von Traum gewesen war.
Emmanline griff auf dem Bett nach einer dünnen braungelben Decke, die sie sich um die Schultern legte, bevor sie das Zimmer verlie?… am Tage war sie eingeschlafen, und jetzt war es dunkel, ebenso wie die G?nge, die vollkommen leer waren… nur einzelne Fackeln an den W?nden entzündet. Egal ob sie nach links oder rechts schaute… hinter sich schloss sie die Tür und machte sich auf den Weg zu Luciens Arbeitszimmer, den Weg, den Emmanline gut kannte.
Sie kannte alle G?nge gut, besa? einen guten Orientierungssinn und wusste, wohin sie führten. Gerade als sie um die letzte Ecke biegen wollte, h?rte sie eine Tür ?ffnen und sah Luciens Schwester Ruby aus seinem Arbeitszimmer kommen… anscheinend bemerkte sie sie nicht, und es war vielleicht auch besser so. Irgendetwas schien sie zu besch?ftigen, denn Emmanline konnte es an ihrem Gesichtsausdruck erkennen. ?Wo hast du gesteckt, Fenni?“ Ihr Ton klang tadelnd. Da erkannte Emmanline, neben ihr erschien ein kleiner Zwerg… sie hatte ihn schon vereinzelt an ihrer Seite gesehen. ?Ach wirklich? Wo?“
Am Anfang hatte Emmanline nicht verstanden, wie Ruby sich mit diesem Zwerg verst?ndigen konnte, aber nach einer Weile hatte sie es herausgefunden, ohne nachfragen zu müssen. Lucien hatte ihr zu Beginn erz?hlt, Fenni, der Zwerg, besa? keine Zunge mehr und konnte somit nicht mehr sprechen. Dennoch verstanden sie sich, denn zwischen ihnen bestand ein Band… entweder sie besa?en einen magischen Gegenstand oder ein magisches Zeichen. So genau wollte Emmanline es auch nicht wissen.
?Führe mich dorthin?“, befahl Ruby dem Zwerg im strengen Ton, und sie verschwanden augenblicklich.
Einen Augenblick wartete Emmanline noch, bis sie sich wieder in Gang setzte und sich Luciens Arbeitszimmer n?herte… leise klopfte sie an, aber sie brauchte es eigentlich nicht, denn der Drache würde schon vorher wissen, dass sie sich vor der Tür befand… als er sie hereinbat. Ohne weiteres trat sie ein.
Sofort erblickte sie Lucien hinter seinem Schreibtisch sitzen. Als sie ihn jetzt so sah… sein schwarzes schulterlanges Haar zerzaust, als w?ren Finger mit einer ungewissen Unruhe hindurchgefahren. Seine m?chtige, muskul?se Pr?senz wirkte… er sah sehr müde und ersch?pft aus… seine Kr?fte schienen ihn verlassen zu haben, und das gefiel Emmanline nicht. Ohne zu z?gern, ging sie auf ihn zu… ohne dass er seine Hand heben musste und sie darum bat. Emmanline ging um den Schreibtisch herum und ergriff seine H?nde, die er nun zu ihr ausgestreckt hatte … sie fühlten sich zwar warm an, aber doch etwas kühler als sonst.
?Du solltest doch schlafen, meine Vahdin.“ Lucien l?chelte sie warmherzig, aber ersch?pft an.
?Was du jetzt auch tun solltest“, erwiderte sie. Emmanline entzog ihm eine Hand und strich ihm z?rtlich eine verirrte schwarze Str?hne aus seinem ersch?pften Gesicht… ihre Finger verharrten einen Moment auf seiner Wange, als wollte sie ihm etwas von ihrer eigenen W?rme und Energie abgeben. ?Du siehst sehr müde aus, Lucien.“
Er lachte leise… ein bettreifes, aber warmes Lachen. ?So fühle ich mich auch. Ziemlich im Eimer.“ Lucien zog sie an sich, schmiegte sein Gesicht an ihre Brust, doch auf einmal war er zu ruhig… er hielt sie einfach nur in seiner Umarmung, ohne ein weiteres Wort, als müsste er sich erst sammeln.
?Lucien, was ist los?“, fragte Emmanline nach einem Augenblick der dunklen Stille des Raumes. Er antwortete nicht. Emmanline schlang ihre Arme um seinen Hals, als wüsste sie, dass Lucien es jetzt brauchte… sie k?nnte jetzt noch einmal fragen, was los war. Erstens würde er ihr wieder nicht antworten, und zweitens wusste sie, was die Antwort war. ?Es geht um mich… nicht wahr? Ich bin das Problem.“ Und sie hatte genau den Punkt getroffen, weil Lucien zusammenzuckte… ein winziger, unwillkürlicher Ruck, der mehr sagte als Worte. ?Deine Schwester Ruby hat dir berichtet, dass man mich sucht... nicht wahr?“ Wenn Lucien Emmanline nicht festgehalten h?tte, w?re sie nach hinten gefallen, so schnell wollte er sie anschauen… er stie? sie nicht von sich, wollte sie nur ansehen. Jetzt wusste sie Bescheid und bedachte ihn mit einem L?cheln, das jetzt viel leichter von ihren Lippen fiel. ?Ich bin nicht dumm, Lucien.“

