Lucien konnte nicht ignorieren, dass diese Elfe tief in ihren Gedanken gefangen war. Es lag in ihrer Haltung, in dem Blick, der ins Leere zu gleiten schien, und in der gesamten Ausstrahlung, die sich innerhalb von Sekunden ver?ndert hatte. Ein ungebetenes Gefühl regte sich in seinem Inneren, ein dunkler Schatten, der sich wie ein Schleier über ihn legte. Etwas war passiert. Ein Funke war in ihren silbernen Augen entfacht, der kalt, geschnitten, und ganz und gar nicht nach seinem Geschmack war. Es war, als würde in ihr ein innerer Sturm toben, als w?re sie auf dem Weg, eine Entscheidung zu treffen, die alles ver?ndern konnte. Sein Drache erwachte unter seiner Haut. Er wollte sie in seine Arme ziehen, sie beschützen, sie beruhigen und alles niederbrennen, was ihr Leid zugefügt hatte. Lucien sah es. Dieser Schmerz, die Verzweiflung und die K?lte, sterben in ihrem wuchs. Er wusste, wenn Lucien sie jetzt fragte, was sie drückte oder wohin ihre Gedanken schweiften, würde er keine Antworten erhalten. Vielleicht weil sie es selbst nicht in Worte fassen konnte. Oder vielleicht, weil sie nicht wollte. Er versteht sie nicht. Nicht wirklich. Je l?nger er in ihrer N?he war, desto weniger durchschaubar erschien sie ihm. Und doch... oder vielleicht gerade deshalb zog sie ihn an.
Diese Frau...
Sie war wie eine gespaltene Seele. Natürlich war er erleichtert, dass sie lebte. Oder vielmehr wieder lebte. Wie auch immer jemand das nennen wollte, was geschehen war. Aber auch das warf Fragen auf. Viele zweifelhafte Fragen. Und Lucien wollte Antworten. Nein er würde sie einfordern
Und doch war da diese Zerrissenheit in ihr. Sie schwankte zwischen dem Wunsch, sich zu unterwerfen. Aus Angst, aus Gewohnheit oder dem Drang, ihre St?rke zu zeigen, sich zu behaupten. Diese St?rke hatte er gesehen. Sie hatte ihn fasziniert. Gereizt. Alles an ihr schreie danach, dass sie Drachen kannte. Zu gut für seinen Geschmack. Ihre Verhaltensweisen, die kleinen Reflexe, ihr Gespür für seine Stimmungen. Sie reagierte, noch bevor sie es selbst bemerkte. Natürlich versuchte sie, auszubrechen, sich zu befreien, doch viel zu oft verfiel sie in alten Mustern. Aber... Wollte er wirklich alles über sie wissen? Ihre ganze Geschichte? Jede dunkle Facette, jede Narbe? Sie war ungew?hnlich und hübsch, das beritt er nicht, weil jede Faser ihres Wesens seine Sinne wach rief. Aber war das genug?
Drachen und Elfen waren nie Verbündete gewesen. Eher Gegner, die eine unausgesprochene übereinkunft geschlossen hatten, sie gingen sich aus dem Weg. Ihre Lebensweisen, ihre Mentalit?ten und ihre ganze Natur waren zu verschieden. Zu gegens?tzlich, als dass ein dauerhaftes Miteinander m?glich gewesen w?re. Zwar verband sie die tiefe Liebe zur Natur, doch selbst diese Gemeinsamkeit konnte die Kluft zwischen ihnen nicht überbrücken. Die einen stolz warene, feurige und undurchsichtige Wesen von elementarer Macht und Leidenschaft. Die anderen feinfühlig, anmutig und tief verwurzelt in altem Wissen und heiliger Ordnung. Doch letztendlich spielte es kaum noch eine Rolle. Die Elfen waren verschwunden, fast ausgel?scht nach dem verheerenden Krieg. Was von ihnen übrig geblieben war, hatte sich zurückgezogen, tief verborgen an einen geheimen Ort. Dort, im Verborgenen, leckten sie ihre Wunden, sammelten die Fragmente einer untergegangenen Zivilisation und versuchten, das zu retten, was einst gro? und unverg?nglich gewesen war. Sie waren kaum mehr als ein Flüstern im Wind. Ein Schatten vergangener Gr??e.
Wieso war diese Elfe dann nicht bei ihnen im Verborgenen und dort, wo es für sie Sicherheit bedeutete? Zu viele Fragen, die nicht weniger waren, sondern ein Ausma? annahm, was der Gr??e seines Schatzes sehr nahekam.
Lucien wurde von einem Ger?usch, das nach einem entsetzenden Klang, aus seinen Gedanken gerissen und blickte auf die Elfe vor ihm. Noch immer sa? er bequem in seinem Bett und betrachtete sie ausgiebig. Genau da viel auf ihn, war sie offensichtlich schockiert. An ihr haftet Blut. Sie war doch nicht verletzt, oder? Seine goldenen Drachenaugen musterten sie ausgiebig, erkannte aber keine Verletzung.
?Wessen Blut ist das?“, fragte die Elfe misstrauisch. Ihr silberner Blick glitt geprüft über seinen K?rper und nicht in sein Gesicht, sondern an ihn hinab.
Luciens Drache grollte in ihm, zufrieden über ihre Aufmerksamkeit, was seine menschliche Seite jedoch frustrierte. Warum war seine Bestie so versessen darauf, wie diese Frau auf ihn reagierte? Er gilt als Regelrecht nach jeder fünften Strandung, als w?re er ein Fisch auf dem Trockenen, der nach Luft schnappte. Verdammt, was ging hier vor sich?
Als sein Blick über sich selbst wanderte, erkannte er das Problem, noch immer trug er die Kleidung, die er bei seiner Jagd angehabt hatte. Wendigoblut klebte daran wie eine getrocknete, r?tliche Masse. Ekel verzog sein Gesicht. Auch die Elfe bemerkte den Gestank. Sie rümpfte ihre zarte Nase, w?hrend sie ihre leicht blutverschmierten H?nde betrachtete. Offenbar war es bei ihren schmerzlichsten Klammern an ihr übertragen worden. Der Geruch liegt schwer in der Luft, faulig, metallisch und widerlich. Lucien hatte alles ausgeblendet, sich nur auf sie konzentriert. Er wollte in ihrer N?he sein, sie tr?sten... Wann, bei allen Drachen, hatte er sich das letzte Mal so sehr vergessen?
Er bemerkte, wie sie unbewusst einen Schritt zurückwich, als sie seinen angeekelten Blick sah. Doch diese Distanz gefiel ihm nicht, denn sein innerer Drache verlangte danach, sie wieder zu schlie?en.
?Nicht mein Blut. Und auch nicht deins“, antwortete Lucien ruhig und erhob sich bed?chtig. Er setzte sich an die Bettkante, ohne sie aus den Augen zu lassen. Diesmal wich sie nicht weiter zurück. Darm.
?Wessen dann?“, fragte sie verzweifelt und sammelte das r?tliche Zeug erneut.
?Ein paar Wendigos kreuzten meinen Weg, bevor ich verkaufte. Ich habe sie beseitigt, das ist ihr Blut“, seine Stimme war sachlich und beherrscht.
?Wendigos?“, hauchte sie fassungslos, dann presste sie ihre Lippen fest aufeinander. Sie greifen nach einer Str?hne ihres schneewei?en Haares, selbst dort war ein rosiger Schimmer zu erkennen. Der Anblick lie? etwas in Lucien aufbeben. Ihr reines Haar... beschmutzt. Das war inakzeptabel.
Ohne zu z?gern, stand Lucien ruckartig auf und ging auf sie zu. Sanft, aber bestimmt griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie mit sich. Sie wehrte sich, versuchte sich, loszurei?en, doch er lie? sie nicht los. Nicht, bevor er sie an sein Ziel gebracht hatte. Mitten im Gang blieb er abrupt stehen und wandte sich halb zu ihr um. Seine goldenen Drachenaugen loderten sie glühend an. ?Entweder kommst du freiwillig mit, oder ich trage dich wieder über meine Schulter. Was ist dir lieber?“, knurrend lie? er keinen Widerspruch zu. Deine Augen weiteten sich und ihr K?rper spannte sich an, dann schüttelte sie langsam ihren Kopf. ?Kluge Entscheidung“, brummte Lucien zufrieden und legte seinen Weg fort, sie durch das dunkle H?hlensystem führte.
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?Wohin bringst du mich?“, h?rte er ihre leise Frage.
Ohne stehenzubleiben, antwortete er nur schnaufend: ?Du wirst es gleich sehen.“
?Dann lass wenigstens mein Handgelenk los. Ich kann sowieso nicht vor dir fliegen“, murmelte sie widerwillig. Seine Lippen zogen sich amüsiert zusammen. Ja, da war noch Feuer in ihr. Gut so.
?Nein, du bleibst sch?n hier“, entgegnete er schlicht und zog sie leicht zu sich, sodass sie schnell gegen ihn prallte. Er wollte sie spüren. Keine Katastrophe, eher ein verlockender Gedanke. Doch sie fing sich schnell.
Schon aus der Ferne nahm Lucien es wahr, das leise Pl?tschern, der Duft von reinem Wasser. Der Gang ?ffnet sich zu einem weiten Raum, durchzogen von einem klaren, schmalen Fluss, der sich silbern durchs Gestein schl?ngelte. Leuchtende Kristalle tauchten alles in sanftes Licht. Ein Rückzugsort. Ein Ort der Reinigung.
Neben ihm h?rte er sie überrascht keuchen. ?Eine Wasserquelle? Du führst mich zu einer Wasserquelle?“, ihr Tonfall war ungl?ubig, schnell verwirrend und doch Lucien lie? es an sich abprallen.
Schweigend lie? er ihr Handgelenk los, trat ans Wasser und kniete sich nieder. Das Oberteil seiner Kleidung landete achtlos neben ihm, das vom Blut durchtr?nkt war. Er würde es sp?ter verbrennen. Das kalte Wasser rann über seinen K?rper, reinigte ihn vom Gestank, von der Schwere der letzten Stunden. Er spürte, wie sie z?gerlich n?herkam, sich aber mit deutlichem Abstand ans Wasser setzte und sich zu s?ubern begann.
Lucien beobachtete sie nur aus dem Augenwinkel. Der Abstand zwischen ihnen gefiel ihm nicht. Ganz und gar nicht. Doch für diesen Moment würde er ihn ihr gew?hren, w?hrend sie sich reinigte. Nur diesen einen Moment. Dennoch konnte er seine Neugier nicht zügeln. ?Was ist mit dir passiert? Wieso warst du … tot? Ich hatte dich angekettet, und als ich ging... wie auch, als ich zurückkam sah ich keine Verletzungen. Also, was war geschehen?“, fragte er mit ruhiger Stimme, lie? sie jedoch nicht aus den Augen. Sie versteifte sich merklich bei seinen Fragen, ihre Abwehrhaltung war unübersehbar. Lautlos lie? sich Lucien auf einem nahegelegenen Felsen nieder, sein Blick blieb unver?ndert auf ihr. Als sie den Kopf leicht zu ihm drehte, perlten einige Tropfen von ihrem Gesicht, glitzerten über ihr zartes Kinn und wanderten verführerisch ihren Hals hinab. Direkt zwischen ihren Brüsten. Lucien verfolgte gebannt die Spur. Ein unterdrücktes St?hnen stieg in ihm auf, als sich ein unkontrollierbares Verlangen regte. Mit seiner Zunge diesen Weg nachzeichnen … Ein Gedanke, den er sofort zu verbannen versuchte.
Er schüttelte den Kopf, um seine aufkommende Lust zu verdr?ngen, und konzentrierte sich erneut auf seine Fragen. Ihr Gesicht blieb undurchsichtig. Die sonst so lebhaften, silbernen Augen wirken stumpf. Dunkel, wie schlecht geschmiedetes Eisen. Kalt. Anders als sonst. Und sein Drache in ihm war ebenso wenig begeistert.
?Was interessiert es dich? Es spielt keine Rolle...“, setzte sie tonlos an, doch Lucien war schneller.
Blitzschnell war er aufgesprungen, überbrückte die Distanz zwischen ihnen und hockte sich vor sie. Sein Griff legte sich fest um ihr Kinn, zwang sie, ihn anzusehen. Seine goldenen Augen glühten vor Zorn. ?Ob es mich interessiert oder nicht, lass meine Sorge sein. Beantworte einfach meine Fragen“, zischte er zwischen zusammengepressten Z?hnen, w?hrend ein bedrohliches Knurren mitschwang. Seine Augen verengten sich gef?hrlich. Schock huschte über ihr Gesicht, ihr Herzschlag raste und sie hatte mit seiner Reaktion nicht gerechnet. ?Sprich oder soll ich da weitermachen, wo wir letztens geh?rt haben?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen. Seine Drachenz?hne blitzten kurz auf, eine Drohung und bewusst gew?hlt.
?Nein …“, keuchte sie entsetzt, ein Hauch R?te auf ihren Wangen. Verflucht unschuldig sah sie aus, aber sie erinnerte sich. Oh ja, und da sie ihren Blick nicht von ihm abwenden konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Lippen zusammenzupressen. Sein Augenmerk fiel auf diese Lippen. Zart und weich. Bilder blitzten in seinem Kopf auf. Nicht jetzt, sp?ter . ?Die Fesseln“, murmelte sie schlie?lich. Doch das reichte ihm nicht. Seine Stirn legte sich in Falten, als er aus dieser Information nichts entnehmen konnte. Er wartete auf mehr. ?Das Eisen darin hat meine Lebensenergie ausgesaugt“, erkl?rte sie dann, fest in seinem Blick verankert.
Lucien nahm jedes Wort ernst. Er konnte keine Hinweise von Lüge erkennen. In seinem Inneren begann er zu suchen und durchforstete sein ganzes Wissen. Eisen. Elfen. Schw?chen. Nichts davon war ihm in dieser Kombination bekannt. Und ohnehin hatte er l?ngst das Gefühl, dass in ihr etwas … anderes schlummerte.
Aber was?
Jedes Wesen hatte eine Schw?che, selbst Drachen. Titan zum Beispiel konnte sie in wenigen Augenblicken t?ten. Kein Mythenwesen war unbesiegbar. Die Welt der Mythen war grausam und nur die St?rksten überlebten
?Warum hast du mir das nicht gesagt?“, fragte Lucien kalt und lie? ihr Kinn los.
Sie verzog das Gesicht genervt. ?Oh, natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen?“, fauchte sie und sah ihn vorwurfsvoll an. Er hob leicht die Augenbrauen. ?Ich hab es versucht, aber du wolltest mir nicht zuh?ren. Du warst zu sehr damit besch?ftigt, deine überlegenheit zu demonstrieren.“
Lucien blieb still und beobachtete sie. ?Das wusste ich nicht“, gestand er schlie?lich.
?Natürlich nicht“, murmelte sie mit einem Anflug von Spott und wandte sich wieder dem Wasser zu. Sie begann, sich weiter zu s?ubern. Lucien h?rte das Sp?ttische in ihrer Stimme und musste schmunzeln. überraschend. Sein Drache schnurrte zufrieden.
?Was bist du?“, fragte er offen.
?Das geht dir nichts an“, erwiderte sie eiskalt. Ihre Stimme h?tte den Raum gefrieren lassen k?nnen. Lucien wusste, dass sie ihm keine weiteren Antworten geben würde. Nicht jetzt. Doch das war in Ordnung. Er hatte Zeit. Genug Zeit, um ihr Geheimnis zu lüften. Und allein der Gedanke daran und es bereitete ihm Freude.
Er zuckerte l?ssig mit den Schultern, als w?re es ihm egal. ?Auch gut. Ich werde es schon herausfinden.“
Ein emp?rtes Schnauben von ihr lie? ihn innerlich grinsen. Er hatte sie genau da, wo er sie wollte. ?Was versteht ihr Drachen eigentlich nicht an einem ?Das geht dich nichts an‘ ?“, zischte sie. ?Ihr glaubt, euch steht alles zu. Dass ihr alles nehmen k?nnte, was ihr wollt. Aber dieses Recht habt ihr nicht. Also sage ich es dir noch einmal ganz deutlich: Es. Geht. Dich. Nichts. An.“
Sehr gut. Sie zeigte Wut. Biss. Widerstand.
Das Spiel hatte gerade erst begonnen.

