Die Minuten schlichen dahin wie z?her Nebel. Emmanline konnte nicht sagen, wie viele davon verstrichen waren. Nur eines wusste sie, jeder Atemzug lie? ihre Zweifel wachsen. Was, wenn Jesaja gar nicht erschien? Was, wenn Engel ihre Schulden nicht begleichen musste... nicht für eine Halbelfe wie sie. Was wusste sie denn wirklich über Engel? über die Wesen, die zwischen Welten wandelten, Schicksale ver?nderten und dabei l?chelten, als w?re alles nur ein Spiel? Vertrauen war t?richt und Hoffnungen noch viel mehr. In der Mythenwelt galten andere Gesetze als in den sterblichen Gesetzen, die oft ?lter als die Zeit selbst waren. Gesetze, die alles im Schach hielten, damit die Unendlichkeit nicht im Chaos versank.
Gerade als sie sich eingestand, dass Jesaja vielleicht niemals kommen würde... ?nderte sich etwas. Eine Pr?senz, leicht wie Wind... und doch unübersehbar. Ein Druck schlug in der Luft, der ihre Haut prickeln lie? und ihr Herz unwillkürlich schneller lie?.
Emmanline hob den Blick. Vor ihr flimmerte die Luft, ein heller Riss aus Licht, der sich langsam entfaltete wie die Blütenbl?tter einer magischen Blume und dann stand sie da. Vollst?ndig, makellos und atemberaubend.
Jesaja.
Die strahlenden blonden Haare fallen wie flüssiges Gold auf ihren Rücken, so glatt, als berührten sie nie Wind oder Schwerkraft. Ihre Haut schimmerte wie Porzellan, durchzogen von einem sanften Licht, das nicht von einer Quelle stammte, sondern das es aus ihr selbst strahlte. Ihre m?chtigen wei?en Flügel falteten sich elegant zusammen, jedes einzelne Federdetail so vollkommen, dass es unwirklich wirkte. Und ihre Augen... himmelblau, lebendig und wissend. Eine Sch?nheit, die kaum als sterblich wirkte. Eine Sch?nheit, der gef?hrliche Krieg. Emmanline war nicht immun gegen diese Anziehung, aber sie wusste, was hinter diesem strahlenden Bild lauerte. Ein Wesen, das nicht von Liebe gesteuert wurde, sondern von kosmischen Gesetzen. Von Ordnung. Von Konsequenz.
Jesaja musterte sie einen Augenblick lang, bevor ein schwaches, fast sp?ttisch-belustigtes L?cheln ihre Lippen streifte. ?Ich h?tte nicht gedacht, dass du meinen Schuldenausgleich so früh einfordern würdest.“ Ihre Stimme klang wie ein vielstimmiger Chor... weich, melodisch, nahezu perfekt… und doch so kalt, dass einem der Atem stocken konnte. ?Doch wenn ich betrachte, in welche Lage du dich gebracht hast…“ Ihre himmelblauen Augen glitten langsam durch den Raum, als würden sie jede Staubspur, jede Verformung im Stein, jeden noch so vergessenen Atemzug analysieren. ?…kann ich mir durchaus vorstellen, warum du mich rufst.“ Ein kaum wahrnehmbares Kr?useln ihrer Lippen, eine Spur unverhohlenen Ekels, huschte über ihre grazilen Gesichtszüge. ?Dieser Ort ist… absto?end. Der Hauch der Drachen klebt an den Mauern wie Ru?.“ Ihre wei?en Flügel strafften sich leicht, Federn raschelten leise... als wollte selbst ihr K?rper sich gegen diesen Ort wehren. Dann richteten sich ihre Augen wieder auf Emmanline. Durchdringend. Erwartungsvoll. ?Ich vermute, dein Wunsch ist es, von hier zu verschwinden?“ Ihr Kopf neigte sich nur ein Hauch, eine Geste voller Eleganz und überlegener Souver?nit?t, als wüsste sie bereits jede m?gliche Antwort. ?Ich habe dich gewarnt, Elfe. Ich habe dir angeboten, mit mir zu kommen.“ Der Tonfall blieb sanft... zu sanft. Samt, der über Stahl glitt. Jesaja trat einen Schritt n?her und obwohl ihre Stimme fast z?rtlich klang, brannte darin eine Klinge. ?H?ttest du mich damals erh?rt, w?rst du jetzt nicht in den H?nden der Drachen gefangen.“ Sanftheit, doch ohne W?rme. Sanftheit, die mehr wie ein Urteil klang, wie ein Vorwurf und wie eine leise, unausgesprochene Verachtung.
Doch darum ging es ihr nicht. Nicht in ihren Augen. ?Ja, das hast du“, erwiderte Emmanline ruhig, obwohl sich in ihrer Stimme ein kaum h?rbares Zittern versteckte. ?Aber ich habe dich nicht deswegen gerufen, um dich zu bitten, mich von hier fortzubringen.“ Entschlossen hob sie das Kinn. Jeder Atemzug fühlte sich schwer an, als würde sie gegen eine unsichtbare Last ank?mpfen. Was sie nun sagte… würde sie vermutlich für den Rest ihres Lebens bereuen. Vielleicht war es pure Torheit. Vielleicht aber auch ihre einzige M?glichkeit, wieder frei zu sein... so unwirklich, so verzweifelt dieser Gedanke auch klang.
Die Verwirrung, die über Jesajas Gesicht huschte, war unübersehbar. Ein Bruch in ihrer perfekten, engelsgleichen Fassade. Und Emmanline verstand es. Sie fühlte dieselbe Absurdit?t in sich lodern. ?Wie bitte?“ Jesajas Stimme verlor mit einem Schlag ihre melodische Weichheit. Sie wurde sch?rfer. H?rter. Wie ein Hauch eisigen Windes. ?Habe ich dich gerade richtig verstanden?“ Sie trat einen halben Schritt vor, ihre Flügel stellten sich weiter auf, als reagierten sie instinktiv auf eine Bedrohung, die sie noch nicht greifen konnte. ?Du hast mich nicht gerufen, um dich aus dieser misslichen Lage zu befreien?“ Das Misstrauen tropfte aus jedem Wort. ?Es w?re eine enorme Chance für dich.“ Ihre himmelblauen Augen blitzten gef?hrlich, als sie mit einem knappen, fast ungeduldigen Blick den Raum streifte. ?Ich sehe doch, dass sie dich gefangen halten. Das ist nicht zu übersehen, in was für einem elendigen K?fig du dich befindest.“
?Ich meine es ernst“, sagte Emmanline. ?Natürlich w?re es eine Gelegenheit, aber sie würde mir nichts nützen.“ Mehr wollte sie nicht erkl?ren, und Jesaja schien das zu spüren. Doch es schien sie auch nicht weiter zu interessieren.
?Sollte mir egal sein“, meinte der Engel kühl. ?Was also ist es, was ich für dich tun sol…“, pl?tzlich brach Jesaja ab. Ihr Kopf ruckte zur Tür, ihre Haltung erstarrte. In der n?chsten Sekunde war das melodische Leuchten aus ihrer Miene verschwunden... ersetzt durch Entsetzen und dann von einer tiefen Dunkelheit. ?Du solltest dich schnell entscheiden“, flüsterte sie scharf. ?Wir sind nicht mehr lange allein. Sie haben meine Anwesenheit bemerkt.“
Emmanline z?gerte nicht. ?Ich will, dass du mich zu deinen Obersten bringst. Zu dem, der bei euch das Sagen hat.“
Jesajas Stirn legte sich langsam in tiefe Falten. ?Was…? Das soll ich für dich tun? Eine Audienz vor dem Rat der Engel? Das… ist unm?glich. So etwas kann ich nicht einfach entscheiden.“
?Natürlich nicht“, sagte Emmanline ruhig. ?Aber du kannst es versuchen.“
?Ich verstehe dich nicht.“ Jesaja schüttelte leicht ihren goldenen Schopf. ?Aber wie ich sehe, wirst du dich nicht umstimmen lassen.“ Emmanline nickte nur. ?Gut“, seufzte der Engel schlie?lich. ?Ich kann dir keine sofortige Zusage geben. Es liegt nicht in meiner Macht, aber ich werde versuchen, eine Audienz für dich zu bekommen. Es wird jedoch etwas dauern.“ Ihre Flügel bebten leicht. ?Ich komme kurz vor Sonnenuntergang zurück und sage dir, ob es dir gestattet wird, vor den Rat zu treten oder nicht.“
?Versuche es einfach“, bat Emmanline ehrlich.
?Ich muss jetzt weg.“ Die Stimme des Engels wurde wieder dringlich. ?Die Drachen haben meine Pr?senz entdeckt und sind auf dem Weg hierher. Ich darf nicht l?nger bleiben.“ Und im n?chsten Herzschlag war sie fort. Mit ihr verschwand jede Spur ihrer anziehenden, überw?ltigenden Pr?senz.
Die Stille, die zurückblieb, fühlte sich an wie ein abruptes Fallen in die Leere. Langsam kehrte Emmanline zu ihrem Platz am Fenster zurück, setzte sich und starrte hinaus. Der Engel hatte Recht gehabt… keine zwei Minuten sp?ter wurde die Tür mit voller Wucht aufgerissen. Der Knall lie? sie leicht zusammenzucken. Es war immer wieder seltsam, die Reaktionen der Drachen zu beobachten... voller Energie, getrieben von J?hzorn. Aiden und der Bruder des Drachen stürmten herein. Emmanline sah die beiden fragend an, w?hrend sie sich misstrauisch im Raum umsahen. Doch niemand sonst war anwesend.
?Wer… wer war hier gewesen, Emmanline? Ich habe eine unbekannte Energie gespürt.“ Aidens Blick war wachsam, misstrauisch, w?hrend er den Raum bis in den letzten Winkel prüfte.
?Niemand war hier. Wie sollte es auch anders sein? Ich sitze hier eingesperrt, niemand kann einfach so hinein.“ Ihre Stimme klang ruhig, fast beil?ufig, doch innerlich pochte etwas Unruhiges gegen ihre Rippen. Und trotzdem hatte Jesaja den Weg zu ihr gefunden. Vermutlich nur, weil Emmanline sie gerufen hatte. ?Dieses Zimmer ist so gesichert, dass niemand es wagen würde, hier einzudringen. Von au?en wie von innen.“ Sie wandte sich dem Fenster zu. Drau?en zogen mehrere Drachen ihre kreisenden Bahnen, Wache haltend, majest?tisch und bedrohlich zugleich. Die Luft vibrierte f?rmlich von ihrer Anwesenheit. Doch ihr Blick glitt wieder zurück... zu ihm. Dem Drachen mit dem dunklen, blauen Haar, das im Licht fast schwarz wirkte und sie durchbohrte wie messerscharfe Dolche. Nur ein kurzer Augenblick, ein Flackern in seinem Blick, genügte. Emmanline wusste sofort, er wusste, dass sie log. Waren er und der Jesaja sich schon einmal begegnet? Diese Frage bohrte sich tief in sie hinein, ohne dass sie dafür eine Antwort fand. Etwas in seinen Augen loderte, etwas Wildes, Uraltes, Instinktives, das sie nicht einordnen konnte. Ein Wiedererkennen, das keines sein dürfte. Natürlich hatte er den Engel schon einmal gesehen... sonst h?tte er nicht so beharrlich nachgefragt... nicht so eindringlich. Sein Interesse an Jesaja war so offensichtlich, dass es fast den Raum füllte.
?Hier ist niemand.“ Seine tiefe Stimme durchbrach die Stille. ?Sie hat Recht. Niemand würde so leicht eindringen. Dafür sind unsere Schutzma?nahmen zu gro?. Wer es versuchen würde, würde sein Leben riskieren.“ Sein harter Blick bohrte sich weiterhin in sie und jagte ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken. ?Lass uns gehen. Wir haben Wichtigeres zu tun.“ Kurz verengten sich seine azurblauen Augen, als wollte er drohen: Ich habe dich im Auge.
Oh, das hatte er zweifellos.
Z?gernd, ohne ein weiteres Wort, verschwanden beide Drachen und lie?en sie allein zurück. Irgendwie ging alles zu schnell und zu... einfach. Dass sie einfach aufgaben, machte Emmanline misstrauisch, aber zurück konnte sie nicht mehr. Dafür war es l?ngst zu sp?t.
Stunden vergingen, und Emmanline blieb allein. Vielleicht war es sogar besser so. Sie konnte so den Schein wahren, dass nichts geschehen war und doch darauf sollte sie sich nicht verlassen. Das w?re t?richt. Wie aus dem Nichts erschien der Engel wieder mitten im Zimmer. Emmanline sprang vom Fensterbrett, überrascht, dass sie so pl?tzlich aufgetaucht war. Ihr Herz raste.
This story has been unlawfully obtained without the author's consent. Report any appearances on Amazon.
?Du hast die Erlaubnis bekommen. Sie wollen dich kennenlernen und sehen, wer du bist... jemand, der einen Drachen bestohlen und überlistet hat. Das schafft nicht jeder so leicht. Lass uns sofort gehen“, sagte Jesaja ohne Umschweife. Die Engelsgestalt trat auf sie zu, legte eine Hand auf ihre Schulter und verlor keine Zeit. Es war offensichtlich, dass sie hier keine Sekunde l?nger bleiben wollte.
Ein Schwindelgefühl erfasste Emmanline, als der Boden unter ihren Fü?en verschwand und sie im n?chsten Herzschlag an einem v?llig anderen Ort stand. Es war das erste Mal, dass sie teleportiert wurde… und es traf sie mit voller Wucht. Der Magen rebellierte, ihr Gleichgewicht schwankte und sie musste sich auf die Zunge bei?en, um nicht das Standbein zu verlieren, w?hrend sich ihr K?rper erneut vollst?ndig formte. Es hatte sie v?llig unvorbereitet erwischt. Erst nach ein paar tiefen Atemzügen hob sie den Blick und lie? ihre Umgebung auf sich wirken.
Emmanline stand in einer riesigen, kreisrunden Halle. Leer, still, erhaben. Wei?e Steins?ulen ragten wie lebendige Strahlen aus Licht am Rand empor, und die Decke w?lbte sich bestimmt zw?lf Meter über sie hinweg. Zwischen den S?ulen ?ffnete sich der direkte Blick in den Himmel, Wolkenschleier zogen wie ein zarter Ring um den Saal. Es gab keinerlei Türen. Keine Treppen. Keine Brücken. Kein erkennbarer Weg hinaus. Dieser Ort war für sich allein... abgeschieden, entrückt, losgel?st von jeder Welt. Ein Ort, der unerreichbar und heilig wirkte. Kein Wunder, dass sich um Engel so viele Mythen rankten.
Der Boden war dunkler als die S?ulen, glatt wie polierter Onyx und so gl?nzend, dass sie beinahe ihr eigenes Spiegelbild darin erkennen konnte. Rund um sie erhoben sich hohe Podeste, übereinander angeordnet wie Sitzreihen in einer gewaltigen Treppenformation... drei Ebenen, jede gro? genug, um unz?hlige Gestalten zu fassen. Doch nur ein Platz stach hervor: eine einzelne, erh?hte Plattform, abgetrennt von allen anderen. Der Sitz des H?chsten. Derjenige, der hier das Urteil sprach. Erst jetzt traf es Emmanline wie ein Schlag. Das hier war keine Versammlungshalle. Es war eine Verh?rst?tte und sie stand mitten in der Arena. Ein Schauer kroch ihr über den Rücken. War es wirklich klug gewesen, hierherzukommen? Doch zurück gab es nicht mehr. Sie hatte ihren Weg gew?hlt.
Die Zeit verstrich. Minuten, vielleicht l?nger. Je l?nger sie wartete, desto mehr nagte der Zweifel an ihr. Engel hatten doch den Ruf, Abmachungen heilig zu nehmen. Warum erschien niemand? Emmanline ?ffnete gerade den Mund, um die Frau an ihrer Seite zu fragen, da fror ihr die Stimme im Hals ein.
Pl?tzlich flammten Lichter auf. Ein Kreis aus blendenden, vibrierenden Lichtkugeln erschien um sie herum. Kaum war eine erloschen, zündete schon die n?chste... schneller und schneller, bis es wirkte, als würde das Licht selbst sie umzingeln. Die Luft vibrierte, und eine gewaltige Pr?senz drückte gegen ihre Haut. Aus jedem Licht formte sich eine Gestalt, Wesen in reinwei?en Gew?ndern, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Riesige Flügel lagen eng an ihren Rücken gefaltet, wie majest?tische M?ntel aus Federn. Niemand zeigte sein Gesicht. Niemand sprach ein Wort. Und doch strahlte jedes von ihnen eine Macht aus, bei der ihr die Knie weich wurden.
Der Rat der Engel.
Mehr als drei?ig… Emmanline konnte im Chaos der Erscheinungen kaum mitz?hlen. Nur ein Platz blieb leer... der H?chste, derjenige, der über allem stand. Vielleicht war es besser so. Dieses Ausma? an Macht um sie herum reichte ihr bereits bis an die Grenzen dessen, was sie ertragen konnte.
Aus dem Augenwinkel sah Emmanline, wie Jesaja neben ihr auf die Knie ging. Unsicher, was sie tun sollte, folgte sie ihrem Beispiel. Immerhin befand sie sich in einem fremden Reich und um keinen ?rger zu provozieren, fügte sie sich. Es fiel ihr schwer, aber es gelang ihr.
?Hoher Rat, das ist die Elfe, die mir zu meiner Flucht verholfen hat.“ Jesaja senkte ehrfürchtig den Kopf; ihre Stimme klang respektvoll, deutlich anders als zuvor.
?Ist das so, Jesaja?“ Eine vibrierende m?nnliche Stimme erklang, tief wie der Ton eines einstimmigen Instruments. Sie konnte nicht erkennen, von welcher Gestalt sie kam... und ehrlich gesagt wollte sie es auch gar nicht wissen. Emmanline wurde von einer Pr?senz zur anderen erdrückt.
?Wenn dem so ist, kannst du dich nun zurückziehen. Du wirst hier nicht mehr gebraucht. Deine Schuld an dieser Elfe ist beglichen.“ Eine weibliche Stimme mit hoher Pr?senz schaltete sich ein.
?Natürlich.“ Jesaja verschwand augenblicklich, und Emmanline blieb allein vor dem Rat zurück. Allein. Alleine dem Rat gegenüberzutreten war einschüchternd… damit hatte sie nicht gerechnet. Ein drückendes Schweigen legte sich über den Saal, begleitet von unz?hligen Blicken, die alle auf sie gerichtet waren.
?Als Jesaja nach einem halben Jahrhundert zu uns zurückkehrte und erkl?rte, wo sie gewesen war, ist es verst?ndlich, dass sie ihren Pflichten nicht nachkommen konnte. Ein Drache hatte sie im Kerker gefangen gehalten und sogar ihren Lichtkristall gestohlen.“ Die Stimme eines Mannes erhob sich, klar, streng und durchdringend. ?Ignoranz dieser Art verdient keine Gnade. Sie hat für ihre Unachtsamkeit gebü?t. Doch das rechtfertigt nicht die Dreistigkeit des Drachen. Er hat einen Pakt verletzt, der vor zwei Jahrhunderten beschlossen wurde.“ Emmanlines Kopf blieb gesenkt, ihre Stirn leicht gerunzelt. Wieso erz?hlte er ihr das alles? ?Du fragst dich sicherlich, warum ich dir das erz?hle, nicht wahr?“
Z?gernd nickte sie. ?Ja.“
Ein leises, fast amüsantes Raunen ging durch den Saal. ?Dachte ich es mir. Wir alle waren neugierig und müssen zugeben, wir hatten etwas anderes erwartet, als zu h?ren, wer Jesaja befreit hat.“ Ein anderes Stimmengemurmel best?tigte dies. ?Nicht so eine unscheinbare Elfe... dazu ein Halbblut und doch hast du dem Drachen die Stirn geboten.“
?Es war dumm von mir“, murmelte Emmanline und fügte sich damit der Einsch?tzung des Rates.
?In der Tat.“ Eine andere Frauenstimme erklang. ?Du hast dem Drachen Lucien De la Cruise etwas aus seinem Hort gestohlen. Das nennt man t?richt... noch t?richter war es, dort bei ihm zu bleiben. Warum?“
Warum? Warum musste sie sich bei allem und jedem immer rechtfertigen? ?Das kann ich nicht sagen.“ Emmanline holte einmal tief Luft, um weitersprechen zu k?nnen. ?Es ist etwas Pers?nliches zwischen dem Drachen und mir. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen, warum ich das getan habe.“
Dann folgte Schweigen. Ein Schweigen, das Emmanline langsam zu hassen begann. ?Du scheinst dir deiner Lage sehr bewusst zu sein. Verteidigst du etwa den Drachen?“ Eine neue Frauenstimme erklang, fordernd und beinahe sp?ttisch.
?Nein, das tue ich nicht. Es sind allein meine Probleme, die ich bew?ltigen muss. Oder würdet ihr eure Probleme anderen überlassen, damit sie sie für euch l?sen?“ Die Worte waren kühn, vielleicht zu kühn. Sie wusste, dass sie damit ?rger riskierte.
?Was f?llt dir ein, so m...“
?Schweig.“ Unterbrach die autorit?re Stimme der ersten Frau. ?Mutig deine Worte, Elfe, doch vergiss nicht, wo du dich befindest.“ Die Stimme legte Nachdruck auf jedes Wort. ?Du solltest wissen, dass dies kein Reich ist, in dem du frei sprechen kannst. Ich akzeptiere jedoch deine Entscheidung. Nun kommen wir zum Wesentlichen. Warum willst du eine Audienz beim Rat der Engel?“
Darauf hatte Emmanline gewartet. Nicht gleich zu Beginn alles preiszugeben, war klug. ?Ich wei?, dass ich kein Recht habe, eine Forderung zu stellen und dass ich mich nicht in der Position befinde, es zu tun. Aber ich bitte euch… lasst den Drachen gehen.“ Sie hob den Kopf, entschlossen, um zu zeigen, dass sie es ernst meinte.
Stille. Tiefdrückende Stille.
Dann ein Durcheinander von Stimmen, Protesten und Vorwürfen: Wie sie es wagen k?nne, Forderungen zu stellen, welches Dreistigkeit es sei. Genau wie sie es geahnt hatte. ?Das ist unm?glich.“ Eine m?nnliche Stimme, klar und unerbittlich. ?Lucien De la Cruise hat gegen unsere Abkommen versto?en. Wir hatten einen Waffenstillstand mit seinem Vater Raziz De la Cruise ausgehandelt, das ist Messers Schneide. Wir k?nnen es nicht zulassen, dass die Drachen sich alles herausnehmen.“ Eiskalt erwiderte er ihren Blick und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Obwohl sie keine Gesichter unter den Kapuzen erkennen konnte. ?Er hatte die Wahl. Bü?en oder sein Volk riskiert einen Krieg und dessen Untergang.“
Emmanline ahnte, für welche Entscheidung der Drache sich entschieden hatte. Dennoch hatte sie ihn untersch?tzt. Sie h?tten niemals gedacht, dass er so gefangen sitzen würde, in einem Kerker oder wo auch immer hier im Engelsreich. Er hatte sich für die Bu?e entschieden.
?K?nnte es keine andere übereinkunft geben? Ein neues Abkommen?“ Sie mussten es noch einmal versuchen.
?Nein, das ist nicht m?glich.“ Ablehnung ohne Gnade.
?Und wie lange wird er in eurer Gefangenschaft bleiben?“, fragte Emmanline entschlossen weiter. Zu verlieren hatte sie nichts.
Der Mann starrte sie an. Sein Gesicht blieb unter der Kapuze verborgen. ?Solange wir es für notwendig erachten, wird er seine Strafen abbü?en müssen.“
Die Worte, seine Strafen , lie?en ihr Herz stolpern. Nicht nur Gefangenschaft, vielleicht noch mehr. Folter? Ihr wurde viel, doch gleichzeitig wollte sie es nicht zugeben. Schlie?lich hatte sie ihm selbst gesagt, dass er seine Strafe noch bekommen würde.
?Ich verstehe nicht, warum bist du so bemüht, ihn frei zu bekommen?“ Seine eisigen Worte bohrten sich in sie hinein, als er ihre Gedanken durchdringen wollte.
Was sollte sie antworten? Ihr Grund war einfach, Emmanline wollte ihre Freiheit zurück, aber das würde die Engel nicht überzeugen. Sie mussten sich etwas einfallen lassen.
Minuten vergingen, w?hrend sie schwieg. Dann, pl?tzlich, ein glei?ender Blitz, der auf den freien Podestplatz einschlug. Emmanline hob instinktiv ihre Arme, um sich vor dem grellen Licht zu schützen. Es brannte in ihren Augen. Langsam lie? es nach und wagte sie vorsichtig einen Blick.
Eine Frau stand da, auf dem Podest... unbeschreiblich sch?n. Ihre hohe, schlanke Figur wirkte grazil, ihr halbdurchsichtiges hellblaues Gewand schmiegte sich geschmeidig an ihren K?rper. Leuchtende hellblaue Augen, leicht schr?g gestellt, strahlende Weisheit und enorme Macht aus. Ihr Haar, zu einem geflochtenen Zopf gelegt, schimmerte im Licht, mal wei?blond, mal hellblau... als h?tte es ein Eigenleben. Die Flügel waren halb ausgebreitet, imposant und dennoch elegant im gl?nzenden Schein.
?Verschwindet. Alles zusammen.“ Ihre Stimme war hypnotisierend, gef?hrlich und sie passte nicht zu der Anmut, die ihr Erscheinen ausstrahlte. Doch als Emmanline in ihren Augen blickte, erkannte sie die Tiefe der Weisheit, dass in ihr wohnte. Alter, Erfahrung, Erkenntnis... all das, was das Leben dieser Frau verk?rperte.

