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64. Lucien/Emmanline

  Lucien drehte sich halb um, als Cyrill auf die Lichtung gestürmt kam. Sein Freund wirkte mehr als aufgebracht. Sofort schrillten seine Alarmglocken. Da stimmte etwas nicht. ?Was ist passiert?“ Seine Stimme schlug in scharfen Befehlston um, w?hrend er wachsam jede Regung wahrnahm.

  ?Die Lykae“, stie? Cyrill hervor. ?Sie sind tief in unser Territorium eingedrungen. Einer der Sp?her ist zurückgekehrt und hat berichtet, dass sie unruhig sind und das es schon vereinzelte Angriffe jetzt gab. Selbst Garett Wisdom wurde gesichtet. Wenn du mich fragst, ist das eine geplante Taktik. Sie wollen etwas.“

  ?Was?“ Sein Brüllen mischte sich mit einem wütenden Knurren. ?Warum hat mir niemand davon erz?hlt? So etwas passiert nicht von heute auf morgen. Sie dringen nicht einfach so in unser Gebiet ein.“

  Cyrill knurrte zurück, die Geduld l?ngst am Ende. ?Wir haben versucht, dich zu informieren. Aber du warst mit anderen Dingen besch?ftigt und kaum zu sehen. Du warst nicht anwesend und ansprechbar.“

  Lucien presste die Z?hne hart zusammen. Cyrill hatte recht. Er war so sehr auf sein eigenes Vorhaben fixiert gewesen, dass er alles andere ausgeblendet hatte. Er hatte seine eigentliche Verantwortung vernachl?ssigt. Doch Emmanline war ihm genauso wichtig. ?Verflucht“, stie? er gepresst aus. Seine Gedanken rasten. ?Versammle alle Krieger und bereite den Rest vor. Wir brechen sofort auf. Sie dürfen keinen Schritt weiterkommen.“

  ?Wir sind schon dabei.“ Cyrill nickte knapp, warf einen kurzen Blick zu Emmanline und verschwand dann wieder im Unterholz. Lucien wandte sich ihr zu und begegnete ihrem ernsten Blick.

  ?Es ist schon in Ordnung“, sagte sie leise. ?Ich habe es verstanden. Geh. Erkl?r mir sp?ter alles.“ Ihr Verst?ndnis traf ihn tief. Emmanline trat immer zurück, um anderen den Vorrang zu lassen. Dabei h?tte sie es verdient, selbst einmal an erster Stelle zu stehen... besonders in seinen Augen.

  ?Ich komme so schnell ich kann zurück. Zu dir.“ Lucien zog Emmanline fest in seine Arme und versiegelte ihre Lippen mit einem Kuss. Er musste sie schmecken, bevor er gezwungen war zu gehen. Nur ein einziges Mal noch wollte er sich in ihr verlieren. Und er war unsagbar dankbar, dass sie es zulie?. Es kostete ihn gro?e Mühe, sich von ihr zu l?sen. Doch er musste. Bald, schwor er sich. Bald würde er sie wieder in seinen Armen halten... und diesmal würde er nicht so schnell loslassen.

  ?Pass auf dich auf.“ Die Worte trafen ihn gedanklich, als Lucien gerade die Lichtung verlassen wollte. überrascht blieb er stehen und drehte sich wieder zu ihr um. Zum ersten Mal hatte Emmanline den mentalen Kontakt gesucht. Er hatte sich bisher stets zurückgehalten, um sie nicht zu bedr?ngen. Doch diesmal war sie es gewesen, die sich nach ihm ausgestreckt hatte.

  ?Das werde ich“, antwortete Lucien ihr mit schnell schlagendem Herzen, bevor er endgültig verschwand. Er musste gehen, ehe sie ihn noch vom Gegenteil überzeugte. Diese Frau würde sein Untergang sein… und doch wollte er es nicht anders. Was auch immer geschehen würde, er würde für sie einstehen und ihr überallhin folgen.

  Lucien erteilte hastig Befehle, die ohne Verz?gerung ausgeführt werden mussten, bevor sie endlich aufbrechen konnten. Jede Sekunde z?hlte. Was auch immer Garett Wisdom vorhatte, er musste aufgehalten werden. Lucien musste herausfinden, was ihn zu diesem Angriff trieb und weshalb er sein eigenes Wort brach. Sicher, Drachen und Lykae hatten seit jeher ihre Meinungsverschiedenheiten, doch beide Seiten waren sich bisher aus dem Weg gegangen. Ein Angriff dieser Gr??enordnung war nicht nur ungew?hnlich... er war ein Zeichen.

  Die Lykae waren Gestaltenwandler, die jederzeit in ihre Wolfsgestalt wechseln konnten. Manchmal in einen normalen Wolf. Manchmal in eine jener Kreaturen, über die man sich am Lagerfeuer Geschichten erz?hlte. Sie hassten den Begriff ‘Werwolf‘, doch für Au?enstehende war es oft die einfachste Erkl?rung. In ihrer wahren Kampfform verwandelten sie sich in gewaltige, abscheuliche Kreaturen auf zwei Beinen... hoch aufgerichtet, mit langen, messerscharfen Klauen... ihr Kopf monstr?s gro?, bestückt mit Rei?z?hnen, die nahezu alles durchtrennen konnten. Ihr unglaublich kr?ftiger Kiefer verlieh ihnen eine t?dliche Macht. Wer einmal zwischen ihren Z?hnen geriet, spürte nicht lange etwas... wenn überhaupt.

  Also was, bei allen G?ttern, trieb Garett Wisdom dazu, sich ihnen auf so bedrohliche Weise zu n?hern?

  Emmanline

  ?Er wird wiederkommen.“ Die weiche, klare Stimme erklang hinter ihr, w?hrend Emmanline vor den Toren des Schlosses wartete. Die t?dlichen W?chter, die zu beiden Seiten reglos standen, nahm sie schon l?ngst nicht mehr wahr.

  Seit fünf Tagen ertappte Emmanline sich immer wieder dabei, wie ihr Blick zum blauen Himmel wanderte, nur um festzustellen, dass er nicht zurückkehrte. Mehr als einmal hatte sie versucht, mental nach ihm zu greifen, die Verbindung zu suchen, die er damals so überraschend zugelassen hatte. Doch er reagierte nie. Kein Hauch einer Antwort. Keine Regung seiner Pr?senz. Langsam keimte in ihr die Furcht, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Doch ein Teil von ihr weigerte sich, das zu glauben. Ihm durfte nichts zugesto?en sein. Keine ruhige Minute fand Emmanline. St?ndig glitten ihre Gedanken zu ihm, ob sie wollte oder nicht. Er war nicht hier, doch in ihr war seine Pr?senz so stark, dass sie kaum klar denken konnte. Diese Ungewissheit machte sie verrückt... und das machte ihr Angst. Früher war es ihr immer gleichgültig gewesen, wer kam und wer ging. Doch mit einem Schlag hatte sich alles ver?ndert. Sie hatte sich ver?ndert. Es fühlte sich an, als würde ein Teil von ihr fehlen... und sie wusste genau, welcher Teil das war... obwohl er es niemals h?tte sein dürfen.

  Aber warum… warum sehnte sie sich so sehr nach ihm?

  ?Ja, ich wei?.“ Emmanline wandte den Blick vom Himmel ab und drehte sich zur Sprecherin um. Vor ihr stand eine Frau in ihrer Gr??e, von bet?render Sch?nheit und mit einer warmen, ruhigen Ausstrahlung. Eine von Luciens vielen Schwestern. Eine der Sanften, im Gegensatz zu den meisten anderen. Gut, Malatya geh?rte ebenfalls zu den Sanften... aber die meisten seiner Geschwister waren wild, aufbrausend und furchteinfl??end.

  Die Frau mit ihren meerblauen Haaren trat langsam neben sie, ihre Bewegungen flie?end wie das Wasser selbst, und betrachtete sie mit freundlichen azurblauen Augen. ?Lucien gibt nicht so schnell auf“, sagte sie sanft. ?Was auch immer dort drau?en vor sich geht... sie alle werden zurückkommen. Und mein Bruder braucht nur einen einzigen Grund.“ Ein warmes L?cheln erschien auf ihren Lippen, die azurblauen Augen funkelten wissend. ?Du allein bist der Grund, warum mein Bruder zurückkehren würde.“

  Einen Moment lang konnte Emmanline sie nur ansehen. Dann wandte sie den Blick wieder zum Himmel. Sie fand keine Worte. Denn das, was diese Frau sagte, konnte unm?glich wahr sein. Das Ausma? dieser Andeutung überstieg ihre Vorstellungskraft. Vielleicht konnte sie erahnen, dass er wegen ihr zurückkommen würde… aber Gewissheit hatte sie keine. Wie auch? Es durfte nicht allein ihretwegen sein. Es konnte einfach nicht sein.

  ?Da wir bisher keine Gelegenheit hatten, miteinander zu sprechen, wollte ich mich bei dir bedanken. Mein Name ist Lya.“ Die Frau wechselte das Thema... und Emmanline hatte das Gefühl, dass sie genau wusste, dass sie auf das Vorige nicht weiter eingehen wollte. Was auch stimmte. ?Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass wir Geschwister wieder zusammen in einem Raum waren.“ Ihr Blick schweifte in die Ferne, weich und gleichzeitig von einer alten Müdigkeit überschattet. ?Als unser Vater damals starb, brach für uns alle eine Welt zusammen. Ich wei? bis heute nicht, wie es geschehen konnte, aber von da an zogen sich fast alle zurück. Jeder hat für sich allein getrauert. Und ich… ich wusste nicht, wie ich den Abstand zwischen uns mindern sollte.“ Sie atmete tief ein, fast so, als würde sie alte Erinnerungen mit jedem Atemzug wieder herunterwürgen müssen. ?Meine ganze Kraft ist dafür draufgegangen. Und wenn mein Gef?hrte... mein Mann... nicht gewesen w?re, der immer für mich da war und mich beschützt hat, w?re ich vermutlich ausgebrannt.“ Sie richtete nun ebenfalls den Blick zum Himmel empor. ?Ich fühle mich schlecht, weil ich vergessen habe, dass wir zusammengeh?ren. Ich habe mich nur auf einen Teil meiner Geschwister konzentriert und dabei so vieles übersehen. Das h?tte mir nicht passieren dürfen.“ Ihre Stimme klang bitter, schuldbewusst.

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  ?Du h?ttest niemals für alle da sein k?nnen.“ Emmanline hatte ihr aufmerksam zugeh?rt. ?Du hast selbst gesagt, ohne deinen Gef?hrten w?rst du ausgebrannt. Du kannst nicht für alle da sein.“ Sie betonte das letzte Wort und sah sie eindringlich an.

  ?Aber ich muss.“ Ihre Antwort kam ohne Z?gern, aber zittrig.

  ?Warum glaubst du das?“, fragte Emmanline ruhig. ?Weil du eine Mütterliche bist und glaubst, du w?rst verpflichtet, für alle da zu sein? Oder weil du dazu gedr?ngt wirst... weil es einfach in deiner Natur liegt?“

  Die Frau schüttelte den Kopf. ?Ich bin zu nichts verpflichtet. Es liegt einfach in meiner Natur. Ich kann nicht anders. Das ist meine Priorit?t. Ich würde alles tun für die, die mir lieb und teuer sind.“ In ihren Augen flackerte etwas... eine innere Flamme, alt und unbeugsam. Selbst ihr Drache schien durch sie hindurchzusehen… verbissen, entschlossen, bereit, durchs Feuer zu gehen oder gar ihr eigenes Leben zu opfern.

  ?Ich würde auch nichts anderes behaupten“, sagte Emmanline sanft. ?Aber du hast in diesem Moment getan, was du konntest. Mehr als das. Ich glaube, dass es in solchen Zeiten nicht nur an einem einzigen liegt, für alle da zu sein. Auch die anderen müssen Verantwortung tragen. Irgendwann ist die eigene Energie aufgebraucht... und dein Gef?hrte hat das erkannt und dich davor bewahrt.“ Sie schenkte ihr einen bedeutungsvollen Blick. ?Es reicht manchmal ein einziger kleiner Beitrag und er hat ihn geleistet.“

  Auf ihrem Gesicht erschien ein warmes L?cheln. ?Wusste ich es doch.“ Emmanline runzelte ihre Stirn. Was wusste sie? Hatte sie etwas Falsches gesagt? ?Lucien hatte recht“, fuhr die blauhaarige Frau begeistert fort. ?Du hast eine Art an dir… du hilfst, ohne es zu merken. Selbst wenn es dir widerstrebt, kannst du nicht anders.“

  Noch mehr Verwirrung legte sich auf Emmanlines Züge. ?Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.“

  Statt einer Erkl?rung fragte sie: ?Gehst du ein Stück mit mir?“ Sie deutete auf den Hof. Emmanline wusste nicht, was diese Drachin vorhatte oder ob es ihr gefallen würde, aber sie entschloss sich, es zu wagen. Gemeinsam stiegen sie die Treppen hinunter und gingen erst schweigend nebeneinander her. Erst als sie ein gutes Stück vom Schloss entfernt waren, begann sie zu sprechen: ?Ich wei? nicht recht, wie ich anfangen soll, aber es tut mir schrecklich leid, was du durch unser Volk alles erleiden musstest.“

  Emmanline blieb abrupt stehen. Ihre Gesichtszüge verzogen sich zu einer harten Grimasse. ?Ich habe das Gefühl, es bereitet euch allen einen riesigen Spa?, mich st?ndig daran zu erinnern. Es reicht doch schon, dass ich hier bin.“ Die Wut stieg in ihr auf... unaufhaltsam, hei?. Wenn es ihnen wirklich so leidtat, warum musste es dann jeder Einzelne immer und immer wieder ansprechen?

  ?Bitte, entschuldige. So war es nicht gemeint.“ Sie hob beschwichtigend die H?nde. ?Du bist eine gute Seele, Emmanline. Und ich bedauere zutiefst, was du durchmachen musstest. In mir regt sich einfach meine fürsorgliche Seite… wir Mütterlichen k?nnen das nicht abstellen. Ich mag ruhig wirken, aber glaub mir… auch in mir brodelt es manchmal, und ich k?nnte gewissen Leuten genauso gut die K?pfe abrei?en.“ Die Ehrlichkeit in ihrer Stimme war überraschend roh. In diesem Moment erkannte Emmanline, dass unter ihrer sanften Oberfl?che ebenfalls ein t?dliches Raubtier lauerte.

  ?Ich geh?re nicht zu deiner oder generell eurer Art.“ Emmanline schüttelte ihren silbernen Schopf.

  ?Das spielt keine Rolle, Emmanline.“ Ihre Stimme wurde weicher, aber nicht weniger bestimmt. ?Lucien ist verrückt nach dir. Er würde alles für dich tun. Schon allein deshalb bist du für uns wichtig. Seit du hier bist, ist er aufgeblüht. Er ist… lebendiger. Das reicht uns, um dich zu beschützen. Niemand wird dich anrühren.“

  Aber Emmanline schüttelte erneut den Kopf. ?Vielleicht tut mir niemand etwas… aber ich werde nur toleriert. Ich bin eine Gefahr für euch, und das l?sst sich nicht leugnen. Ich kann Informationen sammeln, ohne es zu wollen. Ich muss es noch nicht einmal bewusst tun. Culebra ist gerissen, und ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht eher ruhen wird, bis er erreicht, was er will. Egal, wie viele Leben es kostet.“ Sie seufzte schwer. ?Es widerstrebt mir selbst… aber eigentlich solltet ihr mich irgendwo einsperren oder mich gehen lassen.“ Die Drachin wollte etwas erwidern, doch Emmanline fuhr nachdenklich fort, ihren silbernen Blick zu Boden gesenkt: ?Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht. Und ich gebe es zu… es gibt eine Seite an euch Drachen, die ich vorher nicht gesehen habe. Ihr beschützt einander. Ihr seid füreinander da. Es hat gedauert, bis ich das verstand. Ich habe versucht, es stets zu ignorieren.“ Ihre Stimme wurde leise, fast wehmütig. ?Meine Einsicht kam erst, als ich sah, wie Malatya l?chelte. Wie fr?hlich, offen und gelassen sie war... trotz allem, was in ihr brodelte. Da wusste ich, dass ich nicht zulassen konnte, dass etwas in ihrem Leben sie erneut belastet.“

  Leicht wurde sie von der Frau neben ihr am Arm berührt. ?An dem Tag, als unsere Mutter starb und wir uns alle in einem Raum befanden, ist etwas geschehen, womit wir nicht gerechnet h?tten. Zum ersten Mal hat Malatya uns die Stirn geboten. Sie hat all ihren Zorn und all ihre Gefühle gegenüber uns freien Lauf gelassen. Dabei ist das eigentlich nicht ihre Art, aber wir waren froh darüber.“ Die Frau l?chelte sanft und seufzte einmal auf. ?Malatya h?lt sehr viel von dir. Sie hat dich uns sogar vorgezogen, obwohl wir ihre Geschwister sind und wir sie ihr ganzes Leben begleitet haben. Sie hat sehr darunter gelitten, dass sie sich nie verwandeln konnte. Uns war das Ausma? nie bewusst, weil wir nie in ihrer Lage waren. Wir dachten immer, solange wir ihr alles geben, was sie braucht, k?nnten wir ihren Schmerz lindern. Aber wir haben uns gewaltig get?uscht. Wir haben es nur schlimmer gemacht.“ Sie seufzte leise. ?Darum ist das ein weiterer Grund, warum dir niemand etwas antun würde. Du hast hier viel ver?ndert.“

  ?Warum erz?hlst du mir das alles?“, fragte Emmanline und sah der Frau ernst in die Augen. Irgendetwas kam ihr seltsam vor.

  ?Damit du verstehst, was hier geschieht.“ Ihre Stimme war weich, fast ehrfürchtig. ?Du strahlst etwas aus, das ich nicht einordnen kann. Etwas Reines… Anziehendes. Selbst ich verspüre das Bedürfnis, dir Dinge anzuvertrauen... und das ist für mich v?llig untypisch. Vor allem nicht gegenüber Fremden. Aber bei dir ist es anders. Vielleicht liegt es daran, dass du eine Elfe bist… vielleicht ist es auch nur Neugier.“ Sie ging zu einer der blutroten Rosen, berührte die samtigen Blütenbl?tter und beugte sich vor, um ihren Duft einzuatmen. ?Ich will ehrlich sein, Emmanline. Ich habe das Gefühl, dass sich durch dich vieles Entscheidendes ver?ndern wird. Etwas, dessen Ausma? wir nicht erahnen k?nnen. Es muss nichts Schlechtes sein... aber viele spüren es. Manche sind neugierig, andere misstrauisch oder sogar ?ngstlich. Lucien vertraut dir, und das reicht vielen, um dich unter den Unsrigen zu akzeptieren. Vielleicht merkst du es nicht, aber du solltest es wissen.“

  Emmanline blieb sprachlos zurück und versuchte, all das zu verarbeiten. Wenn es stimmte… wenn sie tats?chlich so auf andere wirkte, dann ver?nderte sie sich wirklich. Und sie hatte eine Ahnung, warum. Tief in ihrem Innersten wusste sie es... weil ihre Mutter genauso gewesen war. Sie erinnerte sich an die Lehren ihrer Mutter, an die Warnungen… und an die andere Seite in ihr, die sie stets unterdrücken musste.

  Ihre zweite Natur.

  Emmanline durfte sie nicht zeigen. Sie durfte nicht zulassen, dass dieses andere Ich die Kontrolle übernahm. Jetzt, da sie h?rte, was sie unbewusst ausl?ste, wurde ihr klar, dass sie sich besser beherrschen musste. Viel besser. Sie hatte es ihrer Mutter versprochen... und sie verstand, warum. Ihre Mutter hatte aus Sorge gehandelt… denn sie wusste, welch gef?hrliche Kr?fte in ihrer Tochter schlummerten. Es war frustrierend, und Emmanline fühlte sich nicht wohl dabei. Sie konnte niemandem wirklich vertrauen, denn die Befürchtung ihres endlosen Daseins lie? sie leiden... mehr, als sie je zugeben würde. Manchmal wünschte sie sich sogar, niemals geboren worden zu sein. Doch dieser Gedanke war falsch, und jedes Mal, wenn er aufkam, fühlte sie sich nur noch schlechter. Schon allein, weil ihre Mutter alles für sie getan hatte, was in ihrer Macht gestanden hatte. Undankbarkeit oder Bitterkeit waren das Letzte, was sie sich erlauben durfte.

  Ihr Instinkt verbot ihr zu schlafen oder zu essen. Sie brauchte all das nicht. Emmanline brauchte ihre ganze Aufmerksamkeit... jede Sekunde. ‘überleben‘ war eine seltsame, fast falsche Definition für jemanden wie sie... denn sie konnte nicht sterben. Egal, was geschah, der Tod würde sie niemals finden.

  ?Ich habe euch Drachen noch nie verstanden“, murmelte Emmanline und riss sich selbst aus der Woge seelischen Schmerzes zurück, die drohte, sie zu verschlingen. Sie durfte dem nicht nachgeben. Nicht jetzt.

  Neben ihr begann die Frau herzhaft zu lachen. ?Ich denke, es ist besser so, dass man uns nicht versteht.“

  Sie gingen noch ein paar Schritte weiter, als die Drachin pl?tzlich wie versteinert stehen blieb. Emmanline wollte gerade fragen, was los war, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht raubte ihr selbst den Atem. Angst, Schock und tiefster Schmerz spiegelten sich in ihren Augen wider. Ihr K?rper begann leicht zu zittern, und ein entsetzlicher, von Qual erfüllter Laut rang sich aus ihrer Kehle.

  ?Nein. Nein. Nein…“ Ihre Stimme war brüchig vor panischer Angst. Emmanline spürte, wie sich die Luft um sie herum ver?nderte... schwer wurde, voller unsichtbarer Bedrohung. Und dann fiel ein Name, kaum mehr als ein Schluchzen. ?Ian…“

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