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9. Shanna

  ?Du bist zu sp?t“, meinte Emily zu ihr... ohne Begrü?ung... als Shanna auf die Lichtung trat. Als sie ihre ?ltere Schwester aufgesucht hatte, war es ihre einzige Chance gewesen, einen Weg zu finden. Durch sie k?nnte sie es erreichen. Daher hatte sie sich heimlich auf den Stützpunkt ihrer Familie eingeschlichen. Shanna h?tte nicht gedacht, wie einfach sie an den J?gerwachen vorbeikommen konnte. Konnte sie das schon immer? Seit sie bei den W?lfen lebte, hatte sie sich schlagartig ver?ndert. Ebenso im Training. Sie hatten voneinander gelernt.

  ?Du hast mich gelehrt, auf jede Gefahr vorbereitet zu sein“, antwortete Shanna in einem gleichgültigen Ton... wie sie es immer tat. Zumal sie es sich jetzt nicht leisten konnte, gefangen genommen zu werden. Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, wurde sie von Emily angegriffen. Sie war darauf vorbereitet, die Schl?ge und Tritte auszul?sen, als w?re sie in Trance. Eiskalte Berechnung... wie Shanna es von den J?gern kannte und wie sie selbst aufgewachsen war. Ohne zu überlegen holte sie aus, griff nach ihrem Arm... als Emily ihren rechten Arm nach vorn schnell lie?, ihn auf den Rücken drehte und gleichzeitig ein Bein stellte, damit Shanna das Gleichgewicht verlor und auf den kalten, leicht schneebedeckten Boden fiel. Ohne Mühe setzte sie sich auf Shannas unteren Rücken, hielt sie im Griff und runzelte leicht die Stirn.

  Danach l?ste sie sofort die Umklammerung und entfernte sich von Emily, die noch auf dem kalten Boden kauerte, aber langsam aufstand und den Kopf zu ihr wandte. ?Du bist schlagartig besser geworden“, sagte Emily, und Shanna konnte die eindeutigen Worte von ihren Lippen lesen. ?Als du das letzte Mal mit mir trainiert hast, konntest du mich nie zu Boden rei?en, aber jetzt gelingt es dir mühelos“, meinte sie weiter und verengte dabei die Augen, w?hrend sie ihre Schwester ausgiebig aufbrachte. Ihre zweifarbigen Augen hatten Shanna schon immer bewundert. Das rechte Violett, das linke Azurblau… wie das blaue weite Meer. Sie hatte es stets gem?cht, auch wenn sie es nie zugegeben hatte. Gefühle mussten verborgen bleiben und versteckt werden… nichts, was ans Tageslicht durfte. ?Du hast dich eindeutig ver?ndert.“

  ?Ja, das habe ich“, erkl?rte Shanna ohne Umschweife, weil es nichts zu leugnen gab. Sie waren sich dessen bewusst. ?Aber ich bin mir dessen bewusst, was ich auch nicht mehr ver?ndern m?chte, Emily.“

  Emily schaute sie eine lange Zeit nur schweigend an. Leicht strich sie sich eine Str?hne ihres erdbeerblonden Haars zurück. ?Du wei?t, ich k?nnte dich jederzeit ausliefern.“

  ?Das wirst du aber nicht tun, nicht wahr?“, fragte Shanna direkt.

  ?Nein“, antwortete Emily sofort... etwas, womit Shanna nicht gerechnet hatte. ?Was willst du, Shanna? Wozu brauchst du meine Hilfe? Du hast deine Seite gew?hlt und solltest dort bleiben.“

  ?Du hast von dem Angriff in Glasgow geh?rt… gewusst, dass dadurch Wesen gestorben sind. Einfach so und ohne jeglichen Grund“, erz?hlte Shanna. Sie wusste, dass jeder in der Huntervereinigung von jedem Anschlag erfuhr.

  ?Auch J?ger sind dadurch ums Leben gekommen“, antwortete Emily berechnend, ohne etwas davon abzustreiten.

  ?Durch ihr eigenes Verschulden“, sagte Shanna wütend, und ihre Augen loderten auf. ?Du h?ttest da sein sollen… du h?ttest es sehen sollen. Zum ersten Mal habe ich es gesehen und verstanden. Diese Unberechenbarkeit… diese Lügen und diese Manipulation, unter der wir aufgewachsen sind… das alles ist nicht echt. Es ist falsch. Zumal haben sie mir an dem Tag etwas genommen... und das will ich wiederhaben.“ Bevor es zu sp?t war.

  Emily schaute sie ununterbrochen an, ohne eine einzige Sekunde aus den Augen zu lassen. Hier auf der Lichtung, wo sie sich früher immer getroffen hatten. Wo Shanna noch ein Kind gewesen war. An einer riesigen, dicken Eiche, die über hundert Jahre alt sein musste, in diesem kleinen W?ldchen au?erhalb von London und au?erhalb der Festung der Huntervereinigung. Sie hatten sich nur nachts um Mitternacht getroffen und hier trainiert, damit Shanna st?rker wurde… damit sie überlebte und mit ihrer Geh?rlosigkeit umgehen konnte. Ohne dass sie befürchten musste, am n?chsten Tag umgebracht zu werden. J?ger duldeten keine Schw?che. Emily war die Einzige gewesen, die sie darauf vorbereitet hatte... und die Einzige, auf die Shanna sich hier immer hatte verlassen k?nnen.

  ?Was wurde dir denn weggenommen, dass du dafür zurückkommst, wenn du all das hier so hasst?“, fragte Emily irgendwann in der Stille der Nacht unter der massiven, nackten Eiche.

  ?Einen Wolf… meinen Wolf“, sagte Shanna schlicht und ohne jegliche Angst, dass sie ihre Gefühle damit offenbarte. ?Meinen Gef?hrten.“

  Diesmal schaffte Shanna es, als sie in Emilys Gesicht sah, die pure überraschung zu erkennen... etwas, das sie nicht verbergen konnte, bevor es nach drei Sekunden wieder verschwand. ?Du nimmst einen Wolfswandler als deinen Gef?hrten? Wenn die ganze Huntervereinigung dich nicht schon verachten würde, dann sp?testens jetzt.“

  ?Aber du tust es nicht. Au?erdem ist es mir ohnehin egal, was sie denken. Ich geh?re da nicht mehr hin“, erwiderte Shanna. Denn sie sah es wirklich im Gesicht ihrer Schwester. Ja, sie war noch immer distanziert, aber es zeigte sich kein Hass und keine Verachtung in ihren Augen. ?Ich muss ihn unbedingt wiederhaben, weil er für mich wichtig geworden ist… und auch für meine Freundin, ihren Bruder. Ebenso ihrer Familie habe ich versprochen, ihn nach Hause zu holen. Und…“, stockte Shanna kurz und senkte den Blick, als sie an den Augenblick mit Neils Vater zurückdachte. Sie war jemand für sie, und dieses Vertrauen wollte sie nicht missbrauchen. ?Ich… geh?re zu ihnen.“

  ?Na sch?n, ich habe es verstanden. Wo befindet sich denn dein Wolf?“, fragte Emily nach einem Augenblick des Z?gerns... oder als würde sie sich über etwas ?rgern. Aber das konnte Shanna sich bei ihrer Schwester überhaupt nicht vorstellen.

  ?Im H?llen-Labyrinth, wo sie jeden Gefangenen hinbringen. Du musst mir helfen, dorthin zu kommen“, sagte Shanna geradeheraus.

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  Noch einmal weiteten sich Emilys Augen kurz… was wirklich ungew?hnlich war. Sie war stets die kühle Ruhe ?Du bist verrückt… wei?t du… nein… du wirst dort nie wieder herauskommen, wenn du hineingehst“, sagte sie geradeheraus. ?Die meisten J?ger m?gen davon wissen, aber nur die wenigsten wissen, wie es dort wirklich aussieht. Und nur die Verrücktesten unter uns gehen dorthin, wenn sie die Gefangenen hinbringen. Das ist ein Nest der H?lle. Und das für jeden.“

  Shannas violette Augen verengten sich bei Emilys Worten. ?Aus deinen Worten vernehme ich, dass du schon einmal dort warst und einen Weg dorthin kennst. Mir ist egal, wie... aber ich muss in dieses H?llen-Labyrinth, bevor es zu sp?t ist. Du kennst selbst die ganzen psychopathischen Wissenschaftler unter uns. Die machen vor niemandem Halt mit ihren Experimenten… egal, ob es Frauen oder Kinder sind. Ich habe all die Berichte gelesen“, dr?ngte Shanna, weil am Ende nur widerliche Studien herauskamen oder abscheuliche Tode.

  Kurz versteifte sich Emily bei diesen Worten, und ihr Blick wurde eisern. ?Bei einer Sache muss ich dir Recht geben… sie sind psychopathisch.“ Leicht strich sie sich über die Stirn und holte dann ein Messer aus einer ihrer Seitentaschen. ?Das, was ich dir jetzt zeige, darf niemand erfahren. Versprich mir das, Shanna“, sagte sie mit Worten, die sicherlich streng klangen... wenn Shanna die Ger?usche h?tte wahrnehmen k?nnen. Shanna nickte nur. Emily ritzte sich in den Daumen, und das Blut tropfte leicht. Verwundert weiteten sich Shannas Augen, w?hrend sie beobachtete, wie Emily zur Eiche ging und mit dem Daumen in der Dunkelheit... nur leicht vom Mond erhellt... ein Zeichen mit ihrem Blut auf die Rinde zeichnete. Für einen Moment glühte dieses Zeichen auf, bevor es pl?tzlich in der Baumrinde verschwand. Emily nahm sie am Arm und zog sie hinter sich her. Erst verwirrt, lie? Shanna sich leiten, als sie sich der dicken Eiche immer mehr n?herten... ohne anzuhalten. Sie wollte schon stoppen und etwas sagen, dass sie gleich dagegen laufen würden, doch keine Sekunde sp?ter standen sie nicht mehr auf der Lichtung wie zuvor. Sie standen in einem Wald, der dicht bewachsen war… alle Bl?tter grün, und hier hielt kein Winter Einzug. Die Luft war viel w?rmer und angenehmer als zuvor. Zumal war es helllichter Tag.

  Verwundert wandte Shanna sich um. Doch dort, wo eben noch ein dicker, massiver Baum gestanden hatte, er?ffnete sich nun nur ein weiter Blick in den tiefen, dichten Wald. ?Was… wo sind wir hier, Emily?“, fragte sie verwirrt und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Schwester, die einige Schritte entfernt stehen geblieben war und sie beobachtete.

  ?Eine lange und weit entfernte Geschichte“, antwortete Emily ausweichend und setzte sich in Bewegung. Um nicht allein zurückzubleiben, folgte Shanna ihr schlie?lich. Irgendetwas wollte ihre Schwester ihr zeigen... das spürte sie deutlich. Doch was? Erst einige Schritte sp?ter traten sie aus einem Dickicht heraus. Vor ihnen ?ffnete sich eine kleine, grüne Wiese, vollst?ndig umgeben vom dichten Wald. Wie ein Schutz… oder eine Mauer. Am Rand der Lichtung stand eine schmale Holzhütte... tief gebaut, jedoch ungew?hnlich in die L?nge gezogen. Das Holz wirkte alt, stellenweise von Moos überwuchert, als h?tte die Zeit selbst ihre Spuren hinterlassen.

  Emily überquerte die kleine Wiese mit festen Schritten, und Shanna folgte ihr wachsam, darauf bedacht, ihre Deckung nicht zu verlieren, bis sie schlie?lich vor der Tür der Hütte standen. Ihre Schwester klopfte an. Keine zwei Sekunden sp?ter wurde die marode Holztür aufgerissen. Shannas Augen weiteten sich vor Schock bei dem Anblick, der sich ihr bot. Sie wusste nicht, wohin sie zuerst blicken sollte... auf das Gesicht der jungen Frau, das von Brandzeichen gezeichnet war, ihre Augen geschlossen, oder auf ihre v?llig unbekleidete, schlanke Gestalt. Mit ausgebreiteten Armen stand sie im Türrahmen, ihr wirres, langes braunes Haar umschlang ihren K?rper, w?hrend ein strahlendes L?cheln ihr Gesicht erhellte. ?Oh, Emily“, sagte sie erfreut und richtete den Blick auf ihre Schwester.

  ?Nicht schon wieder“, murmelte Emily und verengte die Augen. ?Kannst du nicht einmal etwas anziehen, bevor du die Tür ?ffnest?“

  Die junge Frau lachte nur unbekümmert. ?Ach, du wei?t doch, ich bin ein Freigeist, wie er im Buche steht. Pure Natur eben.“ Sie verhielt sich, als w?re es das Selbstverst?ndlichste der Welt, jemandem v?llig entbl??t die Tür zu ?ffnen. Shanna hatte nichts gegen Nacktheit… wirklich nicht. Doch das hier war dennoch… speziell. Selbst für einen J?ger. Doch pl?tzlich ver?nderte sich der Gesichtsausdruck der Frau. Ihre Augen blieben geschlossen, w?hrend sich um sie herum vernarbtes Gewebe abzeichnete. Was auch immer mit ihr geschehen war... es mussten starke Schmerzen gewesen sein. ?Du bringst mir einen anderen J?ger mit hierher?“, sagte sie, und ihre Züge verfinsterten sich noch mehr, w?hrend sie einen Finger auf Shanna richtete. Aber Emily war bereits in die kleine Hütte verschwunden, und Shanna… stand allein hier drau?en. Irgendwas musste ihre Schwester gesagt haben, denn pl?tzlich ver?nderte sich das Gesicht der ungew?hnlichen Frau zu verwirrt. ?Shanna… Shanna… Shanna“, sagte sie ihren Namen einige Male, als würde sie nachdenken. Dann erhellte sich ihr Gesichtsausdruck in Zeitlupe, und mit einem Schlag riss sie die Augen auf. Shanna machte einen Schritt zurück. Ihr Herz schlug einige Takte schneller, als sie in die Augen der Frau starrte. Ihre Pupillen waren… wei?. ?Ach… diese Shanna. Natürlich. Du bist erlaubt.“

  ?Du… du bist blind“, hauchte Shanna leise, unf?hig, den Blick abzuwenden.

  Von drinnen kam Emily mit einem dunkelbraunen Mantel zurück und legte ihn über den nackten Leib der Frau. ?Ja, das… ich wollte mal meinen Typ ver?ndern. Habe ich vor drei?ig Jahren vorgenommen. Ich sehe noch bezaubernder aus als vorher, oder?“, sagte sie lachend. ?Das bringt meinen Charme noch mehr zur Geltung. Das m?nnliche Geschlecht fliegt regelrecht auf mich… ich kann mich kaum vor ihren Ann?herungsversuchen retten.“ Was? Shanna verstand kein Wort.

  ?Sie greifen dich eher an, um dich zu t?ten“, kommentierte Emily von der Tür aus... sie konnte gut sehen, wenn sie redeten.

  ?Ach Quatsch, das sieht nur so aus“, winkte die Frau mit der Hand ab, als w?re es nichts.

  ?Du hast dir das wirklich selbst zugefügt?“, fragte Shanna, obwohl sie es eigentlich nicht wissen wollte... es irritierte sie einfach zu sehr.

  ?Das?“, meinte die braunhaarige Frau und deutete auf ihre Augen. ?Nee“, wehrte sie mit ihren H?nden ab. ?Das war nicht ich. Das war damals in der Gefangenschaft der J?ger. Sie haben mir ?tzende S?ure in die Augen geschüttet... und ab da war das mein neuer Look.“

  Shanna wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Schockiert, noch verwirrter… oder… ja, was? ?Wer bist… du? Und woher kennt ihr euch… überhaupt?“, musste sie es jetzt unbedingt wissen. Das alles machte keinen Sinn.

  ?Oh, hat Emily noch nie von mir erz?hlt?“, kicherte die Frau. Jedenfalls sah es für Shanna so aus... ihr Blick und ihr L?cheln wirkten verrückt. Danach stie? sie ihre Schwester mit dem nackten Ellenbogen an. ?Sie ist eine richtige Rebellin, die kleine Emily“, lachte sie wieder mit wahnsinnigen wei?en Augen und hob die braunen Augenbrauen in schnellen Zügen, als sollte das etwas bedeuten. ?Wir beide sind Blutsschwestern. Wei?t schooon… richtige Busenfreundinnen, die durch dick und dünn gehen. Sie hat mich damals daraus geholt, und seitdem sind wir unzertrennlich, nicht wahr?“

  ?Du redest wie immer zu viel“, kommentierte Emily nur und blickte zur Seite.

  ?Ach, du musst nicht schüchtern sein, ich kenne dich doch. Du verrücktes kleines Ding“, lachte sie weiter und richtete dann die Aufmerksamkeit wieder auf Shanna… sah sie direkt an, als k?nnte diese blinde Frau sie wirklich sehen. ?Die Frage, wer ich bin… ich bin eine Hexe. Alle nennen mich N?x?. Auch bekannt als Hex? Sex? N?x?.“

  Eine Hexe? Gerade fragte Shanna sich, ob sie ihre gro?e Schwester je wirklich gekannt hatte.

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