Emily legte gerade das letzte Buch zur Seite, das sie ausführlich nachgetragen hatte, als vor ihr auf dem Tisch ein riesiger Stapel Ordner mit einem donnernden Aufknall stürzte. Mit eisigem Blick wanderte ihr Augenmerk nach oben... auf die Frau, die von au?en einer sch?nen Anmut glich, innerlich jedoch verdorben und h?sslich war. Sie konnten sich von Anfang an nicht ausstehen.
Lilian Wilhelmine Lancaster… ihre Stiefmutter.
Goldenes, weiches Haar, das sie stets hochgesteckt trug, reine helle Haut, engelsgleiche Gesichtszüge, babyblaue Augen und eine perfekte schlanke Figur, die sie in gerüschte Kleider steckte, die Emily für diese Epoche absolut unpassend hielt. Genau das Gegenteil von Emily selbst... sie besa? eine ockerfarbene Haut, die sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte, eine athletische Statur, erdbeerblonde, gewellte Haare, die offen bis zu ihren Schultern reichten… und Augen, die geteilt waren... das rechte Violett, das linke Azurblau. Ein perfektes Gegenstück zu ihrer Zwillingsschwester Amalia… die irgendwo auf dieser Welt verschwunden war… beide nur eine halbe J?gerin.
?Es wird verlangt, dass du das alles bearbeitest“, sagte Lilian giftig und blickte herablassend auf sie herab, als h?tte sie hier die Führung… aber dem war nicht so. Im Hauptquartier von England... dem Herzstück der Huntervereinigung... besa? nur ihr Vater Richard Henry Lancaster die Macht. Niemand sonst. Jeder befolgte sich seine Befehle und seine Autorit?t. Schon seit Generationen wurde dieses Erbe in der Familie der Lancaster weitergegeben, und es würde vermutlich auch in der n?chsten Generation dasselbe sein.
?Sage ihm “, meinte Emily spezifisch mit ihrem Vater damit, ?… dass ich es bearbeite und sorgf?ltig einsortiere“, sprach sie kühl, ohne jede Emotion... weil diese hier unerwünscht waren. Gefühle behindern warenlich für ihre Mission. Also wurden sie bei jedem ausgel?scht… seit ihrer Geburt. Ein eiskaltes System.
Die hasserfüllten babyblauen Augen verengten sich, als Lilian noch immer auf sie herabblickte, als w?re sie ein Insekt unter ihrem hübschen Schuh. ?Das werde ich“, zischte sie, machte eine würdevolle Drehung und verschwand aus dem Archiv, in dem Emily sich Tag für Tag aufhielt. Seit ihrer Degradierung aus dem aktiven Dienst und der Verbannung von Shanna in den Norden Englands. Alles, was geschehen war, gab der Huntervereinigung ihre Schuld... weil sie... zu weich war.
Ihr eiskalter, zweifarbiger Blick hatte sich auf die geschlossene Tür gerichtet, hinter der ihre Stiefmutter verschwunden war. Lilian hatte kurz nach dem Tod ihrer Mutter ihren Vater geheiratet. Alles war hier austauschbar... egal, wer es war. Dieser Posten wurde sofort wieder besetzt. Von einem Tag auf den anderen. Egal wie, egal mit wem... Hauptsache, er war gefüllt. Lilian hatte sofort ihre perfekte Rolle als Frau an der Seite des Anführers eingenommen… immerhin verschaffte das auch ihr Status. Dazu hatte diese Frau einen m?nnlichen Erben zur Welt gebracht... William Archie Lancaster... ihr Juwel in der Thronfolge der Familie. Der… der im Norden seine Machenschaften schmiedete. Dennoch hasste Lilian alle anderen Kinder ihres Mannes... elende Brut, wie sie es gerne nannte... weil sie nicht die alleinige Auserw?hlte war. Nicht einmal in der Ehe ihres Gatten, weil er noch immer Kinder in die Welt setzte. Das war für diese verhasste Frau ein Dorn im Auge.
Von den Gedanken und der verschlossenen Tür l?send, richtete Emily ihren Blick nun auf den Stapel der Ordner... neue Arbeit, die hinzugekommen war. Gerade fertig geworden, entwickelte sich alles zu einem neuen Teufelskreis. Sie legte das fertige Buch zur Seite, nahm den ersten Ordner in die Hand und blickte kurz aus dem Fenster. Ungerührt von dem, was sie erwartete. Wie jeder trostlose graue Wintertag, als leise kleine Flocken fielen. Es hatte lange gedauert, und der Dezember versprach einen kalten Umbruch. Emily spürte es tief in sich. Egal, was es sein würde... es würde schlagartig und kalt kommen.
Einige Stunden sp?ter schloss Emily eines der Bücher und beendete ihre Arbeit für heute. Die Dunkelheit war hereingebrochen, und es war zu viel für weitere Aktivit?ten ihres Kopfes. Sie brauchte eine Pause… und Bewegung für ihre steifen Gliedma?en.
Aus dem stillen, einsamen Archiv entkommend, betrat sie eine andere Welt... das kalte, pr?zise und systematische Regime. Selbst wenn das Anwesen beleuchtet war und in der Nacht viele Lichter hinter den Fenstern brannte. Noch immer herrschte reges Treiben. Als Emily durch die hohen steinernen Torb?gen schaute, sah sie auf dem Gel?nde in der Mitte des riesigen Anwesens... umrahmt von einem umfassenden Geb?ude... J?ger-Rekruten trainieren... achtlos der bitteren winterlichen K?lte. Sie bereiteten sich auf ihre Ehre vor... den Titel eines kalten J?gers zu erlangen, hinaus in die Welt entlassen zu werden, um Leben auszul?schen. Mystische Wesen, die unter ihnen wandelten und auf die sich ihr gezielter Hass richtete.
Dieses Anwesen war simpel aufgebaut. In seiner Blütezeit... wann immer es erbaut worden war... musste es herrlich ausgesehen haben. Der Innenbereich ein pr?chtiger, bunter Blütengarten… gepflegt und wohlduftend. Um den Garten herum zog sich ein Gang mit Sitzb?nken im Viereck mit eleganten Torb?gen, die jederzeit einen Blick auf das sch?ne Innere gew?hrten. Die vorderste Front des viereckigen Geb?udes war die h?chste und gr??te... das Machtzentrum, schon damals für den h?chsten Adel gedacht. Ebenso wie heute… für die Lancaster. Ein Flügel, eine Front für ihre imposante Macht. Die anderen Bereiche nur für die Untergeordneten und die Arbeiter, die auf dem Anwesen lebten. Drei Fronten wiesen nur zwei Stockwerke auf, die vordere vier... ein Machtstatus und ein Zeichen dessen, was dahintersteckte.
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Schon lange war der Innenhof kein wundersch?ner Blumengarten mehr, sondern ein Trainingsplatz für J?ger. Oben an der Machtseite prangten riesige dunkle Fensterfronten, die über das Innere Kontrolle ausübten. Ganz oben thronte ihr Vater Richard Henry Lancaster. Emily sah es stets vor ihrem inneren Auge... wie er mit hinter dem Rücken verschr?nkten H?nden dastand, den Rücken gerade, in einem ma?geschneiderten Anzug, seine Statur imposant und in die H?he gerichtet, die Schultern breit und machtvoll, die jetzt grauen Haare gegl?ttet, seine eiskalte, kühle, machtvolle Aura ausstrahlend... und er... all sein Verm?chtnis überblickend und das ja sein System nicht ins Wanken geriet.
Emily wandte ihren kühlen, emotionslosen Blick von diesem Anblick ab und bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung... weg von der Machtseite, hin zur unteren Seite. Dort befand sich auch ihr Quartier, wo sie n?chtigte und nicht mehr unter den Lancasters. Kaum hatte sie weitere Schritte in dem dunklen, verlassenen kaum beleuchteten Au?engang getan, blieb sie ruckartig stehen. Ein Kribbeln breitete sich auf ihrer Haut aus… als würde sie beobachtet. Ihr Gesicht wurde noch verschlossener, und ihre zweifarbigen Augen verengten sich leicht. Innerlich regte sich etwas, und sie erkannte es. ?Du dürftest nicht hier sein“, hauchte Emily eiskalt in einem hauchenden Ton, der eine Wolke vor ihrem Mund erscheinen lie?. Keiner konnte ihre Worte h?ren... alles nahm seinen gewohnten Gang. Sie stand allein an einem Torbogen. Vor ihr starrte sie in die dunklen Schatten, als sich langsam eine leichte Gestalt abzeichnete.
Shanna…
Ihr Erscheinen hatte sich seit ihrer letzten Begegnung überhaupt nicht ver?ndert. Ihr schwarzblaues Haar war zu einem festen langen Zopf hochgebunden, ihre makellose ockerfarbene Haut verbarg sich unter der schwarzen Kampfkleidung… getarnt in der Dunkelheit... ebenso ihre athletische, gut gebaute, schlanke Statur, pr?zise genug, um andere zu t?ten. Ihre violetten Augen strahlten in der Dunkelheit kühle Effizienz aus. Shanna war fast so gro? wie Emily... überragte sie nur um ein paar Zentimeter.
?Ich wei?“, hauchte Shanna ihr ebenfalls leise und kühl entgegen, als h?tte sie alles in sich ausgel?scht. Wie auch immer sie es geschafft hatte, hier unbemerkt einzudringen... an den t?dlichen J?gerw?chtern vorbei... sie hatte es geschafft und ihre machtvolle Pr?senz v?llig verborgen. ?Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie emotionslos, als steckte kein Gefühl darin. Aber Emily wusste und erkannte es besser als jeder andere. Zwischen den Zeilen konnte sie sehr wohl lesen. Diese Worte allein reichten aus, um unter der kühlen, eiskalten Schale zu erkennen, wie es darunter aussah.
?Ich kann dir nicht helfen“, antwortete Emily schneidend, weil sie es wirklich nicht konnte. ?Ich führe schon lange keine Position mehr aus, die es dir erm?glichen würde, nach deinem Verrat zurückzukehren. Alle wollen dich tot sehen“, sprach sie die skrupellose Wahrheit aus. Denn für diese J?gerin gab es keinen Platz mehr unter ihnen.
Ein hasserfüllter Ausdruck erschien in Shannas violetten Augen und machte ihren K?rper für einen Moment regungslos. ?Ich will nie wieder an diesen kalten, skrupellosen und falschen Ort zurück“, gab sie die Worte ebenso scharf zurück, w?hrend ihr Blick Funken sprühte. ?Ich brauche nur eine Information von dir... und danach wirst du mich nie wieder sehen.“
Einige Sekunden herrschte Stille zwischen ihnen... eine Stille, die sich wie viele Minuten anfühlte. ?Gleicher Treffpunkt und gleiche Zeit“, sagte Emily nur in einem kalten Atemzug. Shanna verschwand pl?tzlich wieder in der Dunkelheit. Emily spürte gar nichts mehr, als w?re sie nie dagewesen. Sie runzelte leicht die Stirn und starrte auf die Stelle, wo eben noch ihre geh?rlose Schwester gestanden hatte. So vieles stand zwischen ihnen, und nie hatten sie eine echte Gelegenheit gehabt. Tief in Emily war noch viel mehr verankert... Dinge, die sie verschlossen hielt und nie wagte auszusprechen.
Ein pl?tzlicher Schrei riss Emily aus ihren Gedanken und ihrer Starre. Ihr regungsloser Blick... den sie sich antrainiert hatte... wanderte auf die andere Seite der G?nge. Kurz… nur für eine Sekunde… weiteten sich ihre zweifarbigen Augen, bevor sie die Kontrolle über ihre eiskalte Maske wiedererlangte. Keine Schw?che zeigen. Aber… auf der anderen Seite zerrten ausgebildete, gnadenlose J?ger vier schreiende und weinende Kinder hinter sich her. Sie versuchten, sich zu wehren, kratzten, bissen… doch es war nutzlos gegen die St?rke der erfahrenen Krieger. Es waren Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren, soweit sie es in der dunklen Nacht und im sp?rlichen Licht an den Gangw?nden erkennen konnte. Sie wurden in Richtung der machtvollen Seite gezerrt.
Auch wenn Emily all das Wissen beigebracht worden war... wie furchtbar, blutrünstig und eiskalt die Mythenwesen sein sollten... wusste sie tief in ihrem Inneren... Kinder nicht. Nur durch ihr rechtes violettes Auge konnte Emily bruchstückhaft erkennen, dass es sich um Drachenwandlerjunge handelte. Wo hatten die Hunter sie gefunden?
Die eiskalte Effizienz der J?ger... als besorgte sie diese Kinder nichts... traf Emily hart. Sie wussten sofort, dass dieses kleine Leben keinen Wert unter ihnen hatte. Deine H?nde ballten sich zu festen F?usten… so fest, dass es schmerzhaft war und ihre Kn?chel wei? hervortraten. Ihr eiskalter Blick wurde dunkler, w?hrend die Kinder weiter davon geschleppt wurden… Besonders blieb ihr Blick an einem Kind haften. An dem vierj?hrigen kleinen M?dchen… das vor Angst und Panik bitterlich weinte, als man es an den Haaren davon zerrte. Ihr Gesicht feucht von ihren Tr?nen und diese schiere, nackte und rohe Verzweiflung... als wüsste sie, was ihr vorherstand. Mit krampfhaftem Zwang musste Emily sich von diesem Anblick l?sen. Sie durften keine Aufmerksamkeit erregen… so gerne sie es auch wollte. Sie mussten ihre Schritte wieder aufnehmen… in die entgegengesetzte Richtung… auch wenn tief in ihrem Inneren etwas anderes schrie.
Na sch?n, langsam sollte Emily es sich eingestehen… sie war weich. Kaum hatte diese einmalige Best?tigung ihrer inneren Gedanken verlassen, verschwand sie in der n?chtlichen Dunkelheit der kalten Mauern.

