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45. Lucien

  Zwei Tage waren vergangen, seit Lucien Emmanline gehen lassen hatte. Zwei qualvolle, endlose Tage. Es wunderte ihn selbst, dass er sich nicht l?ngst in die Lüfte gestürzt hatte, um sie zu holen. Doch er hatte sich gezwungen, es nicht zu tun. Er hatte sich geschworen, erst das eine ... dann die Jagd. Noch musste etwas Wichtiges erledigt werden, bevor er sich auf die Suche machen konnte. Nicht eher würde er sich rühren. So sehr es ihn innerlich zerriss.

  Verflucht, die Angst, dass Emmanline in Gefahr sein k?nnte, nagte wie Gift an seinen Eingeweiden. Es brachte ihn fast um, aber nur noch ein wenig durchhalten. Nicht mehr lange, dann würde er sie jagen dürfen. ?h war schnell fertig. Das redete er sich zumindest unentwegt ein.

  Gerade hatte Lucien sich ersch?pft auf sein Bett sinken lassen und fuhr sich mit beiden H?nden über das Gesicht, als es an die Tür klopfte. Der Klang lie? ihn zusammenzucken. Seine Nerven liegen blank, diese Zurückhaltung fra? ihn innerlich auf. ?Komm rein, Mutter“, brummte er mit tiefer, müder Stimme. Er wusste genau, wer drau?en stand und hievte sich hoch, damit er auf der Bettkante sa?.

  Langsam trat sie ein, schloss die Tür hinter sich und lie? ihren Blick über ihn gleiten. Ein stilles, wissendes Prüfen. ?Es wundert mich, dass du nicht l?ngst auf der Jagd bist“, sagte sie und er wusste nur zu gut, welche Jagd sie meinte. ?Du siehst ersch?pft aus, Lucien. Du stehst gewaltig unter Druck, dieser kleinen Elfe hinterherjagen zu wollen.“ Mit jedem Wort trat sie n?her, bis sie direkt vor ihm stand. Obwohl sie kleiner war und er sagte, wirkte sie in diesem Moment überragend... wie nur eine Drachenmutter es konnte. Behutsam legte ihm eine warme Hand auf die Wange. ?So gef?llst du mir nicht, Lucien. Warum gibst du deinem Verlangen nicht nach? Es wird nur schlimmer werden.“

  ?Weil ich vorher noch etwas erledigen muss“, antwortete er, doch in seiner Stimme lag etwas, das er nicht preisgeben wollte... die wahre Natur seiner Erledigung. ?Au?erdem musste ich nachdenken… über mich . Ich wei?, dass ich mich nicht l?nger vor meiner Verantwortung drücken kann, die mir bevorsteht. Deshalb habe ich eine Entscheidung getroffen. Sobald ich Emmanline zurückgeholt habe, werde ich ?ffentlich und feierlich den Thron besteigen. So, wie es meine Pflicht als Nachfolger ist.“ W?hrend Lucien sprach, hatte seine Mutter sanft über seine Wange gestrichen. Doch abrupt hielt sie inne, als ihr bewusst wurde, was er gerade ausgesprochen hatte. Lucien konnte ihre überraschung spüren... und es war verst?ndlich. Schon lange war er vor seiner Verantwortung davongelaufen, hatte sich in seine H?hlen zurückgezogen. Doch nun war es Zeit, dass Schluss damit war. Ihm war klar geworden, dass es nie um ihn selbst gegangen war. Sein Verhalten war eigensinnig, egoistisch... sein Volk litt darunter und vor allem seine Mutter. Rhivanna war die Leidtragende, weil sie immer wieder zurückgehalten wurde, ihren Seelengef?hrten zu folgen. Er konnte spüren, wie sehr sie davon driftete, wie sie Stück für Stück ihren Lebenswillen verlor. Sie k?mpfte, so gut sie konnte, aber irgendwann würde sie elendig zugrunde gehen. Es zerriss Lucien, seine Mutter so leiden zu sehen und auch seine Geschwister. Durch seine Weigerung, K?nig zu werden, hatte er sie nur aufgehalten, hatte sich ihnen allen in den Weg gestellt. Doch damit war jetzt endgültig Schluss.

  ?Du willst…?“ Ihre Stimme schwankte zwischen Unglauben und Fassungslosigkeit.

  ?Ja, Mutter, du hast es richtig verstanden.“ Seine Stimme war ruhig, aber fest. ?Ich werde dich abl?sen und meine Pflicht erfüllen, sobald ich wieder zurück bin.“ Lucien hielt inne, nahm ihre noch immer auf seiner Wange ruhende Hand zwischen seine. Ein liebevoller, zutiefst reuevoller Blick glitt zu ihr, begleitet von einem kleinen, gebrochenen L?cheln. ?Und au?erdem… kann ich dich nicht l?nger so leiden sehen.“ Seine Stimme sank zu einem rauen Flügel. ?Es zerrei?t mich innerlich... uns alle. Ich war so egoistisch, so blind… nur weil ich nicht den Mut hatte, das zu tun, was l?ngst überf?llig gewesen w?re. Stattdessen habe ich dich zurückgehalten und dich weiter leiden lassen. Ich wei?, dass ich daran schuld bin.“ Langsam senkte Lucien den Kopf, eine Geste, die er selten jemandem zeigte. Ein paar schwarze Haare fielen ihm ins Gesicht ?Bitte verzeih mir, Mutter. Du h?ttest schon l?ngst bei Vater sein sollen.“

  ?Oh, mein Lucien…“ Ihre Stimme klang erstickt. Als er aufsah, blickte Lucien in violette Augen, die voller Sehnsucht schimmerten. Nichts mehr erinnerte an die strenge, ehrgeizige K?nigin... vor ihm stand nur die Frau, nur die Mutter, die sie immer in Wahrheit gewesen war. Der Anblick traf ihn hart, tief, wie ein Faustschlag in den Magen. ?Ich sehne mich nach deinem Vater, mehr als Worte beschreiben k?nnen“, flüsterte sie. ?Aber ich hatte ihm versprochen, dass ich bleibe, sollte ihm etwas geschehen... bis du bereit bist. Und dein Vater wusste, dass du es damals noch nicht warst.“ Ein trauriges, verloren wirkendes L?cheln glitt über ihre Lippen, w?hrend ihre Gedanken zu wandern schienen. ?Er sagte immer, sollte er vor mir gehen, würde er bis in alle Ewigkeit auf mich warten. Er war mein Halt in jeder Brandung… mein Leben. Uns verband so viel mehr als nur das Seelenband. Ich wei?, du kannst dir das vielleicht nicht vorstellen... aber wenn du eines Tages deine Seelengef?hrtin findest, wirst du verstehen, wovon ich spreche. Solch ein Bund ist… unbeschreiblich.“ Ihre Stimme wurde mit jedem Wort brüchiger, schwerer und voll von angestautem Schmerz. ?Ich wei?, ihr habt Angst.“ Tr?nen gl?nzten in ihren Augen. ?Und ja, der Schmerz über meinen Verlust wird unertr?glich sein. Aber Raziz ist meine Seele. Sein Tod hat mich aus meinem Leben gerissen. Ich liebe euch... meine Kinder, von ganzem Herzen. Ich würde für euch sterben.“ Sie holte zitternd Luft. ?Aber ich… muss gehen. Ihr müsst mich gehen lassen, so schwer es ist. Ich will nicht weiter diesem Leid verfallen, bis ich am Ende nur noch ein Schatten meiner selbst bin. Ich bin so nahe an der Grenze, Lucien. Wenn ich nicht gehe… verliere ich mich.“ Ihre Stimme brach.

  ?Du stehst… schon kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, nicht wahr?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Luciens Augen weiteten sich, Schock und fassungslose Sorge spiegelten sich darin wider. ?Warum hast du uns nie eher gesagt, wie riskant dein Zustand ist?“ Sein Blick suchte den ihren, als k?nnte er dort eine vernünftige Erkl?rung finden. ?Wir h?tten das alle verstanden.“ Es war kaum zu begreifen. Ein Drache, der die Grenze überschritt… Das bedeutete den v?lligen Verlust des Verstandes. Er sah es wie ein schwarzes Bild vor sich, wie der menschliche Teil zerbricht, wie nur noch das Raubtier bleibt. Eine Raserei, die jeden Verstand verschlingt, jeden Funken des Selbst ausl?scht. Ein Drache, der nur noch t?tet ... bis er selbst get?tet wird... und diejenigen, die einen solchen Drachen richten mussten… Ein noch bitterer Stich fuhr ihm durchs Herz.

  Alastar.

  Der einzige J?ger, der dieser Aufgabe gewachsen war. Bei den Heiligen… er wollte sich nicht vorstellen, was das bedeuten würde. Alastar, der kalt wirkte, unberührbar und distanziert… Doch seine Mutter war eine der wenigen, die er im Stillen verehrte. Sollte sie fallen… müsste er sie t?ten. Der Gedanke allein war grausam genug, um Luciens Atem stocken zu lassen. Luciens Kiefer verh?rtete sich. Zorn, Angst, Schmerz... alles stieg zugleich in ihm auf. ?Verflucht, Mutter.“ Sein Knurren vibrierte tief aus seiner Brust. Wut... aber keine gegen sie. Wut darüber, dass sie allein gelitten hatte. Dass sie geschwiegen hatte. ?Wei?t du überhaupt, was das für Alastar bedeuten würde, wenn du die Grenze überschreitest?“ Seine Stimme bebte. ?Du würdest ihn damit zerst?ren.“ Die Worte waren scharf, brutal ehrlich... wie ein Messer, das er selbst kaum ertragen konnte. Doch es war die Wahrheit. Bitter und brennend wie Gift.

  Sie senkte leicht den Blick. ?Manchmal muss einer mit sich selbst k?mpfen, bevor es zu sp?t ist.“ Es war ein Eingest?ndnis… aber für ihn keine Entschuldigung.

  Lucien schloss kurz die Augen, rang nach Halt. Der Gedanke, seine Mutter zu verlieren... egal wie... war fast unertr?glich. Aber sie als rasenden, zerst?rerischen Schatten ihrer selbst in Erinnerung zu behalten… Er konnte es nicht. Keiner von ihnen k?nnte es. Als Lucien wieder aufsah, stand reine Verzweiflung in seinen Augen. ?Bitte tu uns das nicht an, Mutter.“ Jedes Wort war durchzogen von Schmerz. ?Nicht so. Nicht auf diese Art.“ Seine Stimme brach fast. ?Ich… ich kann mir nicht vorstellen, wie wir damit weiterleben sollten.“

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  ?Nein, das tue ich nicht. Deshalb stehe ich jetzt vor dir.“ Sie atmete tief durch. ?W?re ich zu dir gekommen, bevor du bereit bist, den Thron anzutreten, w?re es falsch gewesen. Ich sehe ein… es geht nicht weiter. Nicht so. Ich muss es mir eingestehen, bevor es zu sp?t ist.“ Lucien war überrascht. Tief in seinem Inneren berührte es ihn ungemein, dass seine Mutter zu ihm gekommen war... nicht zu Raiden, dem ?ltesten, oder zu Lya, die mit ihrer mütterlichen, beruhigenden Art jeden zu bes?nftigen wusste. Nein, sie war zu ihm gekommen... und das allein sprach B?nde über ihr Vertrauen und ihren Respekt ihm gegenüber.

  ?Danke, Mutter, dass du zu mir gekommen bist.“ Ein leichtes L?cheln huschte über seine Lippen. Dieses Vertrauen, diese Geste... sie bedeutete ihm mehr, als er in Worte fassen konnte.

  ?Ja und doch... ist das nicht der eigentliche Grund, warum ich heute hier bin, Lucien.“ Sie lie? ihre Hand langsam sinken, ihre Augen fixierten seine. Da war ein Gewicht hinter ihrem Blick, etwas, das seine Stirn sofort in Falten legte und seine Augen zu Schlitzen verengte.

  ?Weswegen dann?“ Seine Stimme war ruhig, doch innerlich pochte sein Herz schneller. Was k?nnte noch wichtiger sein, als die Tatsache, dass seine Mutter kurz davor stand, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren?

  ?Vor einigen Monaten habe ich dir angekündigt, dass ich mit dir über diesen Rubin sprechen m?chte.“ Ihr Blick glitt zur Seite, zur Kommode, auf der Emmanline den Rubin hingelegt hatte. Lucien hatte v?llig vergessen, dass sein Schatz noch hier lag. In all dem Trubel, in seinen Gedanken an Emmanline und seine Pflichten, war dieser Schatz v?llig aus seinem Fokus geraten.

  ?Was willst du mir damit sagen?“ Seine Stimme war leise, fast gespannt. Gleichzeitig spürte er das unerkl?rliche Ziehen in seiner Brust, als wüsste er instinktiv, dass dies kein gew?hnlicher Rubin war.

  Kurz schwieg seine Mutter und schloss die Augen. ?Dieser Rubin ist für unser Volk überlebenswichtig. Seine blutrote Farbe stammt von unserem Drachenblut. Jeder Drache, der stirbt, wird auf irgendeine Weise Teil dieses Steins. Jede einzelne Seele ist unausweichlich mit ihm verbunden. Schon seit Tausenden von Jahren lastet ein Fluch auf uns... ein Fluch, der verhindert, dass wir in der Ewigkeit zur Ruhe kommen. Wir sind ewig Verdammte. Unsere Seelen gefangen in diesem blutroten Rubin.“ Ihre Stimme zitterte vor unendlichem Schmerz.

  Lucien wusste nicht, was er sagen sollte. So etwas hatte er noch nie geh?rt. Sein Herz schlug schneller, seine Gedanken rasten. ?Ich… ich verstehe nicht ganz. Willst du mir sagen, dass wir nach dem Tod nie wirklich frei sein werden?“

  ?Ja, so ist es. Es wird keine Wiedergeburt geben, denn der Fluch hindert uns daran. Alle Drachenseelen sind in diesem Stein eingeschlossen... auch die deines Vaters und schlie?lich auch meine.“ Ihre Augen glitten sehnsuchtsvoll über den Rubin.

  Lucien blieb für einen Moment wie gel?hmt sitzen. Sein Herz setzte aus und sein Verstand schien zu stocken. Dann explodierte seine Wut. ?Wieso wei? niemand davon? Wieso erfahre ich erst jetzt von diesem Fluch? Ich besitze diesen Rubin schon seit Jahrhunderten und niemand hat es mir gesagt? Kein einziger? Niemand hat auch nur einen Versuch unternommen, mir zu erkl?ren, wie unglaublich wertvoll dieser Rubin wirklich ist?“ Lucien sprang auf die Beine. Mit jedem Schritt auf und ab wuchs seine Stimme. ?Das kann doch nicht wahr sein! Willst du mir jetzt etwa auch sagen, dass, wenn dieser Rubin zerst?rt wird, all diese Seelen... tausende von ihnen... für immer verdammt sind? Dass es dann keine Erl?sung mehr gibt?“ Lucien blieb stehen, die H?nde geballt, das Feuer in seinen Augen brannte heller als je zuvor. Sein ganzer K?rper bebte vor Wut und Verzweiflung. ?Wie kann so etwas Lebenswichtiges… in meinem Besitz sein und niemand hat es mir gesagt?“

  ?Nicht ganz“, atmete seine Mutter tief durch. ?Dein Vater hat dir diesen Rubin damals nicht übergeben, weil du der rechtm??ige Drachenk?nig bist… sondern weil er dir diese Verantwortung anvertrauen wollte. Auch wenn du noch nichts davon wusstest.“ Ihre Schultern sanken ein wenig. ?Raziz hat geschwiegen, ja. Aber aus einem Grund, den du verstehen musst. Niemand im Volk wei? von diesem Fluch... weil es notwendig war, Unruhen und Katastrophen zu verhindern. Niemand würde ruhig bleiben, wenn er wüsste, dass ihn nach dem Tod keine Erl?sung erwartet. Keine Wiedergeburt. Keine Hoffnung, jemals wieder mit den Geliebten vereint zu werden. Es würde alles ins Chaos stürzen.“ Ihr Blick wurde hart, fast st?hlern. ?Und sollte dieser Rubin in die falschen H?nde geraten, würde unser Volk nicht nur leiden… es würde ausgel?scht werden. Wer auch immer diesen Stein erschaffen hat, es schenkt uns Leben... aber es kann ebenso gut alles nehmen. Niemand, der auch nur eine Ahnung vom wahren Zweck dieses Rubins hat, kennt die vollst?ndigen Folgen. Nicht einmal wir kennen wirklich das Ausma? dieses Rubins, diesen Fluch oder was das alles bedeutet. Und wir mussten deswegen schweigen, wenn wir keine richtigen Antworten hatten.“ Sie beobachtete ihn, der wie versteinert stand.

  Lucien drehte ihr den Rücken zu. Sein Inneres brannte... ein tobender Feuersturm, der kaum noch zu b?ndigen war. Wenn all das stimmte… dann drohte seinem Volk ein Schicksal, schlimmer als alles, was er sich jemals hatte vorstellen k?nnen. Eine Katastrophe jagte die andere. Sein Blick glitt zu dem Rubin, der still auf der Kommode lag. Blutrot. Pulsierend. Lebendig. Jetzt verstand er auch, warum er so verbissen war.

  ?Sie hatte recht“, flüsterte Lucien heiser. ?Emmanline sagte, sie h?tte ihn nicht freiwillig gestohlen. Dass etwas sie dazu gedr?ngt hat.“

  ?Du glaubst ihr?“, fragte seine Mutter vorsichtig.

  Ein drohendes Knurren entfuhr ihm, tief und warnend. Lucien fuhr zu ihr herum, seine Augen geschlitzt, sein Kiefer hart. ?Stellst du meine Sinne und meine Zurechnungsf?higkeit infrage, Mutter?“

  ?Lucien...“

  ?Nein.“ Seine Stimme war tief und kontrolliert, doch unter der Oberfl?che brodelte Lava. ?Meine Sinne m?gen damals benebelt gewesen sein, als ich sie gefangen nahm. Als die Wut in mir brannte.“ Lucien atmete rau aus. ?Aber jetzt? Jetzt bin ich klar. Und ich habe es an ihr gerochen. Emmanline hat die Wahrheit gesagt.“ Seine H?nde ballten sich, die Kn?chel wei?. ?Wem soll ich glauben, wenn nicht meinem Drachen, der mir sagt, wer lügt und wer nicht?“ Ein bitteres L?cheln zuckte über seine Lippen. ?Sie mag den Rubin gestohlen haben… aber ich kann nicht mehr alles auf sie allein abw?lzen. So sehr ich es mir wünschen würde.“ Der Besuch im Himmelreich flackerte durch seinen Geist... die Worte der G?ttin, die merkwürdige Schwere in ihrer Stimme, als sie ihn bat, Emmanline zu schützen. Da war etwas an dieser Halbelfe. Etwas, das ihn beunruhigte, reizte, verwirrte. Etwas, das kein anderer sehen konnte... niemand au?er ihm. Lucien würde es herausfinden. Egal, wie tief er graben musste.

  ?Du wei?t, ich stelle deine Autorit?t nicht infrage“, sagte seine Mutter ruhig. ?Ich will nur sicher wissen, inwiefern du ihr wirklich traust. Diese Elfe hat ihr Leben unter Culebra verbracht... und niemand wei?, ob sie nicht doch etwas im Schilde führt. Du hast sie einfach hierher geschleppt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was sie sein k?nnte. Du kannst ihr nicht leichtfertig vertrauen.“ Ihre Worte waren hart, aber wahr. Und dennoch… etwas in ihm rebellierte. Etwas tief in seiner Brust, das sich nach ihr ausstreckte, ungeachtet aller Warnungen.

  Lucien seufzte leise. ?Ja, du hast recht. Aber ich muss ihr eine Chance geben. Ich bin es ihr schuldig, nachdem ich sie so respektlos behandelt habe.“ Seine Stimme wurde leiser, fast rau. ?Ich habe etwas in ihr gesehen… etwas Unschuldiges. Und ich will herausfinden, ob ich mich darin nicht get?uscht habe. Wir sind nicht wie Culebra und sein Gefolge, die Unschuldige misshandeln, nur weil sie es k?nnen. Wir sind anders.“ Lucien hob den Blick, fest entschlossen. ?Ich werde nicht noch einmal denselben Fehler machen... nicht wieder Vorurteile gegen jemanden richten, der nichts getan hat. Das w?re nicht fair. Weder uns gegenüber… noch Emmanline gegenüber.“

  Ein warmes, stolz-weiches L?cheln huschte über das Gesicht seiner Mutter. ?Eines Tages wirst du ein guter K?nig sein, Lucien. Ein K?nig, dem sein Volk gern folgen wird.“

  Lucien senkte den Blick, unsicher, ob er diese verdienten Worte. ?Vielleicht“, murmelte er nur. ?Aber darüber m?chte ich jetzt nicht sprechen.“ Er wandte sich ab und blickte zum Rubin hinüber, der noch immer auf der Kommode lag. ?Ich mache mich jetzt auf den Weg“, beschloss er schlagartig, weil ihn ein ungewohntes Gefühl antrieb. Etwas nagte in seinem Inneren und sein Drache dr?ngte noch st?rker als sonst, als spüre er, das Gefahr drohte. ?Ich werde diesen Rubin weiterhin bewahren... und wir führen sp?ter noch ein ernsthafteres Gespr?ch darüber.“ Noch wurden nicht alle Fragen beantwortet. Nicht ann?hernd. Lucien trat an die Kommode, streckte die Hand nach dem blutroten Stein aus... und der Rubin l?ste sich vor ihren Augen in der Luft auf. Einen Herzschlag lang herrscht absolute Stille und Verst?rtheit.

  Dann sog seine Mutter scharf die Luft ein. ?Wo ist er hin?“ In ihrer Stimme vermischen sich Entsetzen und Wut.

  Lucien starrte auf die leere Stelle, wo der Rubin eben noch gelegen hatte. Eine kalte Gewissheit kroch ihm den Rücken hinauf. Er wusste nicht wie oder warum... doch er hatte eine Vorahnung. Eine, die ihn schlagartig in Bewegung setzte. Ohne eine weitere Silbe riss er sich los, rannte zur Tür, schnappte unterwegs die Tasche, die er vorbereitet hatte, und stürmte hinaus. Aus dem Zimmer, durch die Hallen, hinaus aus dem Schloss. Lucien hinterlie? nur das Echo seiner Schritte, dann durch die Schwingen seines Drachen... und die Gewissheit, dass etwas Unkontrollierbares begonnen hatte.

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