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75. Emmanline/ Cyrill

  Durch den besten Freund des Drachen hatte Emmanline erfahren, dass er blitzartig hatte verschwinden müssen, als sie ihn suchen wollte. Anscheinend hatte eine Notsituation ihn gezwungen, das Lager schnell zu verlassen. Es h?tte ihr mehr bedeutet, wenn er es ihr pers?nlich gesagt h?tte… auch wenn es nur per Gedanken gewesen w?re. Aber anscheinend war es von h?chster Dringlichkeit. Darum verschwendete sie keine weiteren Gedanken daran. Es ging sie nichts an, und es war nun einmal wichtig. Er hatte ein ganzes Volk zu beschützen… das verlangte eine Menge ab. Nie würde sie sich dazwischen dr?ngen. Dieses Recht hatte Emmanline nicht. Nicht, wenn sie all die Kinder hier sah, die um sie herum waren. Genauso wie jetzt.

  Viele der Kleinen waren ihr vertrauensvoll n?hergekommen und suchten bei ihr Halt. Eigentlich w?re es realistischer gewesen, wenn sie zu ihren Verwandten gegangen w?ren. Zu ihresgleichen. Doch sie war von einer ganzen Schar kleiner Kinder umzingelt. Da konnte Emmanline sie einfach nicht zurückweisen. Gütige G?tter, sie mochte es sogar. Allein diese Unschuld… sie wollte ihnen die Sorgen nehmen... diesen Blick voller Schmerz aus ihren kleinen Augen vertreiben. Es machte ihr das Herz schwer, und darum besch?ftigte sie sich mit ihnen.

  Doch eines wunderte sie… dass die Erwachsenen Emmanline gew?hren lie?en, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Zuvor hatte sie noch einige Verletzungen geheilt, bis ihr ‘Aufpasser‘ sie gezwungen hatte, eine Pause einzulegen. Dabei fühlte sie sich wirklich gut. Sie war nicht darum herumgekommen. Jetzt sa? sie jedenfalls mitten unter einer ganzen Schar von kleinen Kindern.

  ?Stimmt es wirklich, dass du eine Elfe bist?“, fragte ein kleiner Junge, der ungef?hr sechs Jahre alt aussah.

  Sanft legte Emmanline ihm eine Hand auf das weiche, braune Haar. ?Ja, es stimmt, Jack.“ Sie kannte jeden einzelnen Namen von ihnen. Ohne es zu wollen, hatte sie sich alle gemerkt. Sie tat es auch, weil die Kinder es brauchten… dass man sie direkt ansprach. Auch wenn sie ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen konnte, belügen würde sie sie niemals.

  ?Ich habe noch nie eine Elfe gesehen. Dürfen wir deine Ohren sehen?“, klang eine m?dchenhafte Begeisterung auf.

  ?Cassy, sei nicht so unh?flich“, ermahnte eine Frau das Kind streng. Das M?dchen zog sofort entschuldigend den Kopf ein. Diese Stimme geh?rte zu der Schwester des Drachen… deren Gef?hrten sie gerettet hatte.

  Erst war Emmanline darüber erstaunt gewesen, empfand es aber nicht als schlimm oder beleidigend. ?Schon in Ordnung.“ Sie nahm ihr schneewei?es Haar von beiden Seiten und hielt es nach hinten. Dadurch, dass ihre Ohren sonst von dem langen, wei?en Haar teilweise verborgen waren, kamen nun zwei spitz zulaufende Ohren zum Vorschein. überraschte Laute kamen über die Lippen der Kleinen.

  ?Ich habe sowas noch nie gesehen“, warf ein Kind atemlos ein.

  ?Ich auch nicht“, hauchte ein anderes.

  Alles fühlte sich im ersten Augenblick ungew?hnlich an, doch niemand zeigte Abscheu. Es war reine Neugierde und Bewunderung. Das lie? Erleichterung in ihr aufsteigen… ein wenig Druck wich von ihrem K?rper, und sie konnte sich etwas entspannen.

  Die Kinder stellten ihr noch einige Fragen, die sie beantworten konnte… den G?ttern sei Dank nichts Schlimmes aus ihrer Vergangenheit. Solange Emmanline etwas Gutes tun und den Kleinen Ablenkung verschaffen konnte, damit sie den Blick von all dem Grauen abwandten… sie lie? sogar einen Teil ihrer F?higkeiten sehen, als sie Pflanzen und Blumen wachsen lie?. Selbst die ?lteren waren darüber erstaunt. Es brachte den Kleinen gro?e Freude und Lachen… etwas, das ihr Herz erw?rmte. Es gab wirklich nichts Sch?neres, als diese fr?hlichen Gesichter und das unbeschwerte Lachen der Kinder zu h?ren. Es steckte voller Leben und Energie. Emmanline hatte das alles selbst nie erfahren, aber genau darum war es ihr jetzt unheimlich wichtig, dass andere Kinder eine Kindheit hatten. Wie diese Kleinen hier… die M?dchen und Jungen.

  Je l?nger sie ihre Zeit miteinander verbrachten und je schneller die Nacht hereinbrach, desto schneller schlief ein Kind nach dem anderen ein, ersch?pft von all der Aufregung. Sanft streichelte sie über ein paar K?pfe und schaute ihnen beim Schlafen zu.

  ?Vielen Dank“, erklang eine volle, tiefe M?nnerstimme. ?Dass Ihr Euch so sehr um unsere Kinder kümmert.“

  Emmanline schaute auf und blickte in warme grüne Augen, seine leicht braune, dunkle Haut und sein wundersch?nes, schwarzes, langes Haar … die von ihrem Bewacher und besten Freund des Drachenk?nigs. Ihr entrang sich nur ein kleines Nicken. ?Sie m?gen Euch“, fuhr er fort. ?Wir h?tten nicht damit gerechnet, dass wir sie so leicht ablenken k?nnten. Das gibt uns gr??ere Zuversicht, dass sie es gut überstehen werden.“ Er l?chelte sie an.

  Einen Augenblick hielt Emmanline seinem Blick stand, dann wandte sie sich ab und schaute die schlafenden Kinder an. ?Sie sind so unschuldig. Niemand sollte ihnen solch ein Leid zufügen.“ Die letzten Worte kamen leise über ihre Lippen. ?Ich habe es gerne gemacht.“

  ?Ihr habt eine gute Seele“, sagte er nach einer kurzen Stille.

  Emmanline musste ihn wieder anschauen. Seine Worte schienen ernst gemeint… und sie machten sie wirklich verlegen. Sie konnte nichts darauf erwidern. ?Würdest du kurz einen Moment auf die Kinder aufpassen?“, fragte sie schlie?lich. ?Ich würde gerne noch einmal durch das Lager gehen und schauen, ob jemand Hilfe braucht. Das würde meinen Beinen sicherlich auch guttun.“

  ?Ich sollte Euch begleiten“, sagte er und stand mit ihr auf.

  ?Nein, schon gut.“ Emmanline wollte gerne einen kleinen Moment für sich allein haben… das schien er zu verstehen. Ian nickte kurz und setzte sich wieder hin. Er wirkte trotzdem skeptisch... es missfiel ihm sichtlich. ?Ich bleibe im Lager“, versicherte Emmanline.

  Das schien ihn etwas zu beruhigen … sie erkannte es an seiner K?rpersprache. ?Du bleibst im Lager“, sagte er noch einmal fast wie einen Befehl.

  Mit einem Nicken verschwand Emmanline und machte ihre erste Runde durch das Lager, um zu sehen, ob wirklich alles in Ordnung war. Erstaunlich… einige begrü?ten sie sogar oder l?chelten ihr zu. Es war ungew?hnlich für sie, doch es steckte echte Ehrlichkeit darin. Unsagbare Gefühle stiegen in ihr auf… Gefühle, die immer unkontrollierbarer wurden. Mitten in der Nacht wanderte Emmanline durch das Lager und lauschte den Waldger?uschen, den leisen Stimmen, dem Knistern der Lagerfeuer und unz?hligen anderen Kl?ngen. Eine Ruhe war eingekehrt… keine klagenden Laute mehr. Es machte einiges leichter, auch wenn die traurige, leidvolle Atmosph?re noch immer herrschte. An einem Lagerfeuer vorbeigehend, das lodernd und machtvoll aufloderte, spürte sie die ausstr?mende Hitze. Kurz blieb sie stehen und schaute gebannt in die Flammen. Emmanline bemerkte zwei Krieger, die sich davor hingesetzt hatten und sich angeregt unterhielten. Sie wollte nicht lauschen und ging weiter… als Worte sie erstarren lie?en. Empfindungen und Erinnerungen stürmten wie eine Welle über sie herein und rissen sie mit. Die Luft wurde dünner, ihr Inneres schwerer... ihr Herz rutschte ihr in die Hose. Gro?e Panik machte sich breit und brachte sie leicht zum Zittern.

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  ?Nicht mehr lange, und er wird merken, was er davon hat. Er wird dem nicht entkommen k?nnen. Und wenn der Zeitpunkt kommt, wird es ein leichtes Spiel sein. Darauf legt er es doch an. Ich freue mich schon darauf, wenn es zu Ende geht“, berichtete ein Mann mit tiefer, grummeliger Stimme… ohne jede Begeisterung. Es war nicht die Stimme, die Emmanline aus der Fassung brachte… sondern die Worte. Blitzartig setzten sich Bilder in ihrem Kopf zusammen… rasend schnell, dass sie schwankte.

  Der andere Mann lachte abwertend. ?Das wird nur auf eines hinauslaufen, das…“ Doch Emmanline h?rte schon gar nicht mehr richtig zu.

  Ihre Panik und Angst wurden immer gr??er, je mehr Erinnerungsfragmente sich zusammenfügten. Emmanline konnte sich erinnern. Etwas, das sie zutiefst schockierte… grub sich wie scharfe Klauen tief in sie hinein. Ein unsagbarer Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, w?hrend sie versuchte, Sauerstoff in ihre Lungen zu bekommen. ?Oh ihr gütigen G?tter, nein …“, kr?chzte Emmanline heiser, ihre Augen vor Schreck geweitet.

  Sofort lief Emmanline hektisch durch das Lager, suchte verzweifelt nach jemandem… doch tief im Inneren wusste sie, dass diese Person nicht mehr hier war. Etwas Schreckliches würde passieren… sie spürte es in einem unsagbaren Schmerz. Stattdessen rannte sie los. Sie konnte nur noch rennen… und hoffen. Beten. Ihre Beine trugen sie von ganz allein, ihr Verstand meilenweit weg.

  Nein. Nein. Nein, das darf nicht sein.

  Das wurde zu einem Mantra in ihrem Kopf.

  Cyrill

  Cyrill konnte nicht mehr genau sagen, wie lange er nun schon bei den Kindern sa?, aber es fühlte sich wie eine kleine Ewigkeit an, w?hrend er auf Emmanlines Rückkehr wartete. Zurzeit hatte sie viel mitgemacht, und für sie war es alles andere als leicht… das konnte er sehr gut nachvollziehen. Alles, was Lucien ihm erz?hlt hatte, lie? ihn verstehen, wie schwer sie es hatte. Dieser Frau waren unsagbare Schmerzen zugefügt worden, und das allein durch das Volk der Drachen… sein Volk. Normalerweise müsste sie von Hass erfüllt sein, doch trotz allem half sie, wo sie konnte. Niemand hatte es von ihr verlangt, und viele waren ihr gegenüber misstrauisch oder sogar feindlich gesinnt. Doch das schien ihr kaum etwas auszumachen… sie kannte es nicht anders.

  All das Gute tat Emmanline unbewusst… Cyrill und sein innerer Drache konnten es spüren. Trotz all der Qual, des Verlusts, des Schmerzes und Leids war ihre Seele noch intakt. Bei wie vielen konnte man das behaupten, die aus grausamer Gefangenschaft hervorgegangen waren? Die Zahl lag verdammt niedrig. In dieser Frau steckte eine Kriegerin, die sich nicht so leicht z?hmen lie?. Diese Elfe behauptete sich gut… nichts nachgebend, immer auf der Hut. Alles lag in ihren Augen… dieser silberne Blick konnte vor Sch?rfe wie eine Klinge sprühen… eine Sch?rfe, die alles durchschneiden k?nnte. Wahnsinnige Augen. Ihre Ausstrahlung war bannend, als würde sie etwas in sich bergen, das wie ein Magnet wirkte. Es zog an… wie das Licht die Motten. Emmanline war das Licht, und alles um sie herum die Motten, die in Scharen kamen. Selbst er verspürte diesen Drang, sich ihr zu n?hern. Cyrill war damit nicht allein… schon die Kinder fühlten sich bei ihr wohl und genossen es. Emmanline strahlte etwas aus, das sie am dringendsten brauchten… Licht in der Dunkelheit. Genau das war sie in dieser Stunde der Finsternis, inmitten von Gewalt und Blut. Sie war das Licht und der ruhige Wegweiser. Es mochte irrsinnig und bl?dsinnig klingen… fast wie die Predigt eines Geistlichen über Licht und Dunkelheit. Aber... darum kam es ihm merkwürdig vor, dass die Elfe noch immer fort war. Cyrill musste nach ihr schauen. Sollte ihr etwas geschehen, würde Lucien ihn zerlegen. Emmanline war seine Seelengef?hrtin… und er wollte sich gar nicht ausmalen, was Lucien mit ihm anstellen würde, falls ihr auch nur ein Kratzer zugefügt wurde. Er w?re erledigt.

  ?Lya, k?nntest du kurz auf die Kleinen aufpassen? Ich will nachschauen, wo sie steckt“, sagte Cyrill und stand auf. Er wandte sich an die Frau neben ihm, die sich vor einiger Zeit zu ihnen gesetzt hatte.

  ?Sicher“, antwortete Lya sofort.

  Ohne Zeit zu verlieren, schritt er durch das Lager. Sein Blick schweifte umher, und er folgte ihrem Geruch. Cyrill blieb stehen, wo ihr Duft am st?rksten war... am Lagerfeuer. Er schaute sich um, konnte sie aber nirgends entdecken. ?Hey, Bran. Molnar. Habt ihr vielleicht die Elfe gesehen?“, fragte er kurz und bündig.

  Die beiden M?nner unterbrachen ihr Gespr?ch und drehten sich zu ihm um. ?Vor Kurzem war sie noch hier“, antwortete Molnar als Erster. ?Als wir sie bemerkt hatten, sah sie ziemlich bleich und schockiert aus… als w?re ihr ein Geist begegnet“, erg?nzte Bran. ?Wir wollten sie ansprechen… fragen, was los sei, aber da ist sie wie der ge?lte Blitz davongerannt.“

  Cyrill hatte das Gefühl, als würde sein Herz in die Hose rutschen. Eine sehr schlechte Vorahnung beschlich ihn. Sie würde doch wohl nicht…? ?Wohin?“, kr?chzte Cyrill. ?In welche Richtung ist sie gelaufen?“

  ?Richtung Wald.“ Beide nickten in die entsprechende Richtung.

  ?Verfluchte Schei?e! Warum habt ihr sie nicht aufgehalten?“, schrie Cyrill die beiden wutentbrannt an. Sie duckten sich instinktiv... eine wahnsinnig kluge Entscheidung. Ohne weiter nachzudenken, rannte er los. Stürmte in den Wald und hoffte… betete zu allen G?ttern… dass er sie finden würde.

  Wie hatte Cyrill nur darauf vertrauen k?nnen, dass Emmanline im Lager blieb? Zu Anfang hatte er es gut gemeint… sie hatte ausgesehen, als br?uchte sie ein paar Minuten für sich. Es schien eine Menge von ihr abzuverlangen, was sie hier tat. Deswegen hatte er ihr den Freiraum gegeben. Doch jetzt war seine Entt?uschung gro?… und diese nackte Panik, sie nicht wiederzufinden… war überw?ltigend. Cyrill folgte ihrem Duft, doch je weiter er in den tiefen, dunklen Wald vordrang, desto schw?cher wurde er. Als würde dieser zarte Duft schon eine lange Weile in der Luft h?ngen.

  Hatte sie so viel Vorsprung?

  Je tiefer Cyrill kam, desto st?rker keimte ein schrecklicher Verdacht in ihm auf. Emmanline würde doch wohl nicht…? Er stellte sich diese Frage zum zweiten Mal. Wenn es stimmte und sie diesen Weg genommen hatte, dann… konnte ein Herz noch tiefer sinken als in die Hose? Dies war die Richtung, aus der sich die Lykae-Armee n?herte. Sollte dort etwas schieflaufen, würde es eine kriegerische Auseinandersetzung geben… eine, die nicht ohne Blutvergie?en ablief. Emmanline w?re mitten in diesem Gemetzel. Gnade den G?ttern, Cyrill würde dafür schwer bü?en müssen. Mit seinem Leben.

  Cyrill legte einen weiteren Zahn zu und rannte wie besessen durch den Wald, blendete alles um sich aus. Seine einzige Sorge, sein einziges Ziel… Emmanline so schnell wie m?glich zu erreichen und in Sicherheit zu bringen. Bevor etwas Furchtbares passierte. Würde ihr etwas geschehen, würde es auch seinen K?nig treffen. Niemand verlor seine vorherbestimmte Seelengef?hrtin, ohne selbst darunter zu leiden. Ihr Tod würde auch seinen bedeuten.

  ?Verfluchte Schei?e“, kam es ihm immer wieder über die Lippen… w?hrend Cyrill gleichzeitig zu den G?ttern betete und rannte wie en Wahnsinniger. Was für eine hoffnungslose Kombination. Dieser Elfe durfte einfach nichts geschehen.

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